In der letzten Zeit ist sehr viel Törichtes zur Verteidigung von Plagiaten und Plagiatorinnen und Plagiatoren gesagt worden. Das dürfen wir schnellstens vergessen. Thomas Gutschker weist auf einen Gesichtspunkt hin, der bei vielen Betrachtungen zu kurz gekommen ist (FAS 10.2.13). Die Rolle von Wissenschaftsfunktionären. Für den Rücktritt wegen des Interessenkonflikts zwischen Amt und Privatinteresse zollt Gutschker der Ex-Ministerin Respekt.
Weiter heißt es: „Seltsam nur, dass den Wissenschaftsfunktionären, die sie (Annette Schavan, W.S.) auf ihre letzte Reise nach Südafrika begleiteten, dieser Gedanke gar nicht kam. Jedenfalls sprach ihn kein Mitreisender laut aus. Was von der Reise nach Deutschland drang, waren Solidaritätsbekundungen – auch vom Präsidenten der Humboldt-Universität. Ob der sich genauso geäußert hätte, wäre sein Haus betroffen gewesen? Freilich konnte er sich bis gestern in der Mehrheit fühlen. In der Welt der deutschen Wissenschaftsfunktionäre gelten nämlich andere Maßstäbe. Das ist das eigentliche Problem, das der Fall Schavan offenbart hat.
Von den Priestern dieser Gemeinde erfuhr die Ministerin monatelang alle nur denkbaren Segnungen. Da war der bekannte Bildungshistoriker, der sie mit dem Argument entschuldigte, die meisten ihrer ‚Zitierfehler‘ stünden im referierenden Teil ihrer Dissertation – als sei es nicht so wichtig, Quellen selbst zu lesen und korrekt anzugeben, wenn man sie nur zusammenfasst. Dieser Teil macht übrigens 180 Seiten in Frau Schavans Arbeit aus, mehr als die Hälfte. Dann gab es die Erziehungswissenschaftler, die öffentlich versicherten, in ihrer Disziplin hätten schon immer andere Maßstäbe gegolten, Pädagogik sei keine echte Wissenschaft. Warum werden in diesem Fach dann überhaupt Professoren berufen und Doktoranden ausgebildet?
Die ganze Monstranz holte ein früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft heraus. An Schavans Arbeit würden Maßstäbe angelegt, die ‚völlig sinnentleert‘ seien: das Plagiatsverfahren sei in Wahrheit eine ‚politische Aktion‘ gegen die Ministerin. Im Klartext: Ein Mann, der die deutsche Forschungslandschaft zwei Jahrzehnte lang geprägt hat, warf einem angesehenen Wissenschaftler vor, er verrate mit seinem Gutachten die Wissenschaft. Obwohl die bemängelten Stellen gar nicht strittig waren. Spätestens da hätten die amtierenden Hohepriester der Wissenschaftsorganisationen einschreiten und den Gutachter, die Universität schützen müssen. Das Gegenteil war der Fall. Einer nach dem anderen stellte das Verfahren in Frage. Kurz vor der Entscheidung, die Aberkennung des Doktorgrades von Frau Schavan einzuleiten, setzte der Wissenschaftsrat dem Ganzen die Krone auf: Die Vertretung der wichtigsten Forschungseinrichtungen und der Hochschulrektorenkonferenz versuchte den Schritt in letzter Sekunde zu verhindern.“
So viel zur Glaubwürdigkeit von deutschen Wissenschaftsfunktionären.