Unser Vormann in Sachen Homosexualität, Rosa von Praunheim (Holger Mischwitzky), wird bald 70 Jahre alt. Den Filmemacher, der sich selbst als Dichter sieht, hat Irene Bazinger in der „Welt“ interviewt (24.11.12). Von Praunheims Film
„Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“
erschien 1971 und hat einer ganzen Epoche des Kampfes um Emanzipation ihr Motto gegeben.
„Welt“: Fühlst du dich denn für deine bislang über siebzig Filme anerkannt?
Rosa: Ja, sicher, und es ist schön, dass ich kontinuierlich das nötige Geld auftreiben konnte, um überhaupt künstlerisch arbeiten zu können! Und dass mir das auch weiterhin möglich ist! Man kann immer noch berühmter werden, aber viel verdienen kann man mit meinen Low-Budget-Produktionen nicht. Also kämpft man immer am Existenzminimum – und das ist vielleicht auch ganz gut so. Ich war sechs Jahre Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg und kriege aus dieser Tätigkeit rund hundert Euro Rente. Deswegen muss ich weiterarbeiten. Das erhält mich auch vital und gesund. Diejenigen, die länger Professor waren und mehr Rente kriegen, haben indes meist aufgehört, kreativ zu sein. Das finde ich traurig.
„Welt“: Deine Lebensweise scheint dir gut zu bekommen, du siehst blendend aus. Man kann sich kaum vorstellen, dass du bald siebzig Jahre alt wirst.
Rosa: Oh, danke, sehr lieb, aber so ein Kompliment erinnert mich auch daran, dass die Leute früher oft gesagt haben: „Sie sehen gar nicht schwul aus!“ Das empfand ich als überhaupt nicht nett. Denn diejenigen, die schwul oder lesbisch aussahen und sich nicht hinter einer „normalen“ Fassade versteckten, waren die Vorreiter der homosexuellen Emanzipation, weil sie sichtbar waren. Mich macht es eher stolz, älter zu werden und Falten zu kriegen – solange man geistig frisch ist und Lust am Denken und Arbeiten hat. Unangenehm sind natürlich Krankheiten. Davon bin ich bisher zum Glück verschont geblieben. Ich trinke nicht, und ich rauche nicht, aber ich habe viel Sex.