293: Psychotherapeut erklärt Eintauchen in den Cyberspace mit der Angst vor dem Tod.

Bert te Wildt gilt als einer der Pioniere bei der Erforschung der Medienabhängigkeit. Der Bochumer arbeitet mit Abhängigen. Der Psychiater und Psychotherapeut erklärt das Eintauchen in den Cyberspace hauptsächlich mit der Angst vor dem Tod. In seinem Buch „Medialisation“ beschreibt er die aktuelle mediale Entwicklung als einen Epochenbruch, der fundamentaler sei als die Gutenberg-Revolution (Einführung der Presse im 16. Jahrhundert). „Medialisation“ ist für ihn die kollektive Umsiedlung in den medialen Raum.

Heute erlebten schon sehr viele von uns manches (z.B. einen Sonnenuntergang oder eine Liebesnacht) wie ein Medienereignis. „Es war wie im Kino.“ Die Aufmerksamkeit für die Kommunikation mit real präsenten Menschen nehme deshalb ab. Angesichts der unendlich erscheinenden Produktion z.B. von Fotos reisten wir anscheinend, um uns zu vergewissern, dass etwa die Cheops-Pyramide tatsächlich existiere. Der Bochumer Psychotherapeut erklärt sich die allgemeine Bilderproduktion mit der Angst vor dem Tod. „Wir haben mit den neuen Technologien die Phantasie entwickelt, dass wir eine Form von Unsterblichkeit erreichen können, indem wir das Leben in Bildern und Filmen buchstäblich festhalten.“ In der SZ vom 13.11.12 hat Christian Weber te Wildt interviewt.

SZ: Die Externalisierung von Gedächtnisinhalten betreiben wir Menschen, seit dem jemand zum ersten Mal Zeichen in eine Lehmtafel kratzte. Sind Google und Wikipedia nicht einfach die logische Folge dieser Entwicklung?

te Wildt: Ich empfinde es auch als eine absolute Bereicherung, jederzeit Information aus dem Internet verfügbar zu haben. Aber das darf nicht zu weit gehen. Wir können etwa als Mediziner nicht in jeder Situation im Internet nachschauen. Als Chirurg im OP oder als Psychotherapeut beim Patienten müssen wir unmittelbar handlungsfähig sein. Wir müssen über ein bestimmtes Wissen auch dann verfügen, wenn die Netze zusammengebrochen sind und alle Computer schweigen. …

SZ: Wieso sollten sich alte Bedürfnisse nicht auch in neuen Medien manifestieren dürfen? Das Online-Dating eröffnet doch manchen Partnersuchenden neue Chancen, die – etwa wegen ihres Alters – in der abalogen Welt wenig Hoffnung hätten.

te Wildt: Kein Zweifel, die elektronische Partnervermittlung funktioniert und wirkt auf den ersten Blick überzeugend. Darin sehe ich durchaus eine Chance des Internets. Doch die schlichte Nachricht könnte sein, dass diese Vermittlung vielleicht etwas zu gut funktioniert.

SZ: Wie meinen Sie das?

te Wildt: Wenn ich zum Beispiel nach einer erfolgreichen Vermittlung relativ sicher bin, dass es auch ohne große Probleme ein zweites oder drittes Mal klappen könnte, weil der Pool an Paarungswilligen ständig anschwillt, dann ist die Alternative zu meinem jetzigen Partner, mit dem es vielleicht nicht so gut läuft, immer nur ein paar Klicks weit entfernt. Im Extremfall kann so die Suche nach Verliebtheit zu einer Art Sucht werden. Dann geht es nicht mehr um echte Begegnung zwischen zwei Menschen, sondern um die virtuelle Jagd als Selbstzweck und Weltflucht.

SZ: Was halten Sie von Digital Natives, deren Leben sich zu großen Teilen im Netz abspielt, ohne dass man unbedingt Zeichen der Verwahrlosung zu erkennen vermag?

te Wildt: Es gibt sie offenbar. Das sind dann vor allem junge Leute, deren Existenz völlig virtualisiert ist, ohne dass sie ihre Autonomie aufgegeben haben. Die darf man nicht pathologisieren, die kriegen nämlich ihr Leben auf die Reihe, verdienen Geld, haben Freunde und Partner, obwohl sie mit denen eher über Rechner kommunizieren. Vielleicht ist das die Zukunft. Vielleicht werden wir unser Leben noch viel mehr vor dem Bildschirm verbringen.

SZ: Ist also ein gutes Leben vor dem Bildschirm möglich?

te Wildt: Das muss jeder für sich entscheiden. Aber es gibt auch allgemein gültige Grenzen. Wir können die existenziellen Dinge im körperlichen und zwischenmenschlichen Bereich nicht allesamt virtualisieren, und das sind im Traurigen wie im Schönen nun mal die intensivsten Momente im Leben. Wir können im Internet nicht wirklich Liebe machen, wir können dort kein Kind zeugen und gebären. Wir können dort nicht krank werden und andere Menschen pflegen. Dort wird kein Hungfernder satt gemacht. Und es wird dort kein Sterbender in den Tod begleitet und bestattet. So gesehen beweist sich unsere Menschlichkeit viel mehr in der emotional-leiblichen als in der geistig-virtuellen Welt.

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