Bundesbildungsministerin Annette Schavan steht unter höchstem Druck. In der SZ (15.10.12) nehmen sich Evelyn Roll und Roland Preuss ihre 1980 im Fach Theologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vorgelegte Dissertation mit dem Titel „Person und Gewissen“ vor (hier im Blog am 11.5.12 unter der Ziffer 191 in der „Innenpolitik“). Jannis Hagman hat schon am 11.10.12 in der „taz“ den mit dem Fall befassten anonymen Plagiatsjäger „Robert Schmidt“ interviewt. Es geht auch darum, ob Annette Schavan Bundesbildungsmninisterin bleiben kann. Aber ebenso darum, wie manche Plagiatsjäger vorgehen. Ihre Arbeit wird teilweise sehr kritisch betrachtet. Der Fall von Annette Schavan ist seit Mai 2012 anhängig im Promotionsausschuss der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Es hat viele Sitzungen gebeben. Die Namen der Ausschussmitglieder sind öffentlich nicht bekannt.
Der Prodekan der Philosophischen Fakultät hat nun ein 75-seitiges Gutachten über die Dissertation von Schavan vorgelegt. Es kommt zu dem Ergebnis, dass eine „leitende Täuschungsabsicht“ der Autorin „zu konstatieren“ ist. Die Überprüfung ergebe „für eine erhebliche Zahl von Befundstellen das charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise“. In etlichen Fällen habe Schavan den Eindruck erweckt, mit Originalquellen wichtiger Philosophen und Psychologen gearbeitet zu haben. In Wirklichkeit habe sie sich aber aus der Sekundärliteratur bedient. An zahlreichen Stellen habe Schavan Texte anderer Autoren wortgleich übernommen, ohne dies kenntlich zu machen, etwa durch Fußnoten. Das Gutachten ist die Basis für eine Empfehlung des Falultätsrats der Philosophischen Fakultät. Falls dieser sich dem Gutachten anschließt, kann der Doktortitel Frau Schavan nur aberkannt werden. Dann kann sie auch – wie ich finde selbstverständlich – nicht Ministerin bleiben.
Annette Schavan, die seit Mai 2012 im Wesentlichen geschwiegen und damit ihren Gegnern Auftrieb gegeben hat, setzt sich nun zur Wehr: „Die Unterstellung einer Täuschungsabsicht weise ich entschieden zurück.“ „Es trifft mich. Es trifft mich im Kern. Es trifft den Kern von dem, was mir wichtig ist.“ „Es hat mich sprachlos gemacht und stumm, dass man von mir, von jemand also, der über das Gewissen arbeitet, annimmt, dass ich zu Betrug in der Lage bin. Was für ein Menschenbild steht dahinter?“ „Ich habe sorgfältig gearbeitet. Hier und da hätte man noch sorgfältiger formulieren können. Heute merke ich zum Beispiel, dass ich damals bei Freud noch ziemlich verdruckst bin.“
Doktorvater von Annette Schavan war der Erziehungswissenschaftler Gerhard Wehle. Er ist neben dem Soziologen Niklas Luhmann und dem Religionsphilosophen Bernhard Welte Autor eines von Schavan und Welte herausgegebenen Sammelbandes „Person und Verantwortung“, der kurz vor der Disseration im Patmos-Verlag erscheint. Dieser Sammelband gerade ist es aber, der Schavan unter Druck setzt; denn hier finden wir einen Aufsatz, der seitenweise Wort für Wort identisch ist mit Teilen der Dissertation. Das bringt natürlich den Vorwurf des Eigenplagiats mit sich. Vertrackt.
Können wir uns vorstellen, dass Frau Schavan subjektiv redlich gearbeitet hat und sich tatsächlich unschuldig fühlt? Hat sie etwa gar nicht genau gewusst, wie zitiert wird und wie wissenschaftliches Arbeiten vor sich geht. Das ist in Fachkreisen doch allgemein bekannt. Ist Frau Schavan gar keine Fachfrau gewesen?
Es ist erforderlich, dass wir uns die Arbeitsweise von Plagiatsjägern vor Augen führen. So sagt Martin Heidungsfelder, der sich für einen Pionier der Online-Forschung hält: „Schavan muss weg. Sie kann auch nicht im Amt bleiben, wenn der Doktortitel bleibt.“ Heidingsfedler hat nach seinen eigenen Angaben zusätzlich zu den seit Mai 2012 bekannten Stellen in der Dissertation 55 Seiten Eigenplagiat gefunden, Wort für Wort abgeschrieben. Heidingsfelder ist der Begründer der Plagiatssucheseite VroniPlag. Vermutlich arbeiten dort häufig nicht Fachleute, sondern Software-Spezialisten, die sich auf das Auffinden von Plagiaten spezialisiert haben. Auf eine sehr technisch akzentuierte Art und Weise. So sagt die Medien-Informatikerin Deborah Weber-Wulff: „Strichcodes und bunt unterlegte Textvergleiche haben eine hohe Plausibilität. Werden auch von den Medien immer gerne genommen.“ Und sie sagt noch etwas: „Wir können nur Textübereinstimmungen feststellen. Die Entscheidung, ob das in einer bestimmten Fakultät erlaubt und Usus ist, liegt bei den Fachleuten von der Universität.“
Ludwig Winnacker, der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, vermutet im Fall Schavan „eine politische Aktion“. Es gehe dort im Gegensatz zum Fall Guttenberg um „Paraphrasierungen“. „Da werden Maßstäbe an das wissenschaftliche Referenzieren angelegt, die völlig sinnentleert sind. Sie vergleichen Sprache wie Gensequenzen in der Biologie. Das finde ich schockierend.“ Winnacker sieht den Fall wohl wie ein Naturwissenschaftler.
Roland Preuss schreibt sogar: „Schavans Lebensleistung droht auf das Schlagwort ‚Täuscherin‘ reduziert zu werden – wegen einer 32 Jahre alten Doktorarbeit und nach langen Jahren als anerkannte Ministerin. Es ist ein verzerrtes, unfaires Bild, das da entsteht.“ Preuss behauptet, dass im Fall Schavan strenger verfahren werde als im Fall des niedersächsischen CDU-Kultusministers Bernd Althusmann. Dieser hatte eine Dissertation mit ähnlichen Fehlern wie bei Schavan vorgelegt, war aber nicht mit der Aberkennung des Titels bestraft worden, weil ihm keine Täuschungsabsicht angelastet wurde. Ja, wissen denn diese Minister nicht, was sie tun oder getan haben?
Der Literaturwissenschaftler Philipp Theison befürchtet gar das Ende der Geisteswissenschaften. Er sieht diese Wissenschaften diskreditiert und vernichtet, wenn die Einhaltung von Formalien zum einzigen Kriterium wird. Diese Befürchtung halte ich für völlig übertrieben. Seien wir doch einfach in all diesen Fragen hellwach und redlich.
„Robert Schmidt“, der bekannte anonyme Plagiatsjäger, der im Fall Schavan tätig geworden ist, macht klar, wie er vorgegangen ist. „Frau Schavan hat zum Beispiel drei Quellen nicht angegeben, die sie verwendet hat. Außerdem gibt es jede Menge Übernahmen aus der Sekundärliteratur, die sie nicht als Paraphrasen gekennzeichnet hat. Der Leser geht davon aus, dass die Gedanken von Frau Schavan stammen. Schließlich hat sie Zitate oder Quellenangaben aus der Sekundärliteratur einfach abgeschrieben. Wegen übereinstimmender Fehler lässt sich das sehr gut nachvollziehen.“
„taz“: Wie sind Sie vorgegangen?
„Schmidt“: Ich habe mir die Titel der angegebenen Literatur – die ich als mögliche Quellen eingeschätzt habe – besorgt, digitalisiert und mithilfe spezieller Software mit der Arbeit verglichen. Verdächtige Stellen, die sich so nicht finden ließen, habe ich gegoogelt. Auch Literatur, die thematisch zur Arbeit passt, aber nicht erwähnt wird, habe ich mir besorgt.
Nach „Schmidts“ Erkenntnissen hat die Ministerin auf 92 Seiten betrogen.
Dann wird sie wohl nicht Ministerin bleiben.