Viele von uns haben Zeruya Shalevs Weltroman „Liebesleben“ (2000) gelesen. Manche Frauen darunter mit Vorbehalten, wie ich mich erinnere. Nun stellt die israelische Schriftstellerin ihren neuen Roman „Für den Rest des Lebens“ in Berlin vor (Tilman Krause „Literarische Welt“, 6.10.12). Shalev, die einen Selbstmordanschlag in Jerusalem überlebt hat, erhält den „Welt“-Literaturpreis 2012.
Bei der Vorstellung ihres Buches spricht Zeruya Shalev auch über ihr Land. Sie erklärt uns das große Sicherheitsbedürfnis vieler Israelis, das politisch wohl dazu führt, dass Bibi Netanjahus Partei und Regierung an der Macht bleiben.
„Ich spüre jeden Tag, wie ein Stück meines Jerusalems verschwindet, wie Freunde und Verwandte, die der permanenten Bedrohung nicht mehr gewachsen sind, weggehen, und wie ich auch selbst mich immer wieder frage, ob ich hier weiterleben kann. Und das tue ich nicht erst, seit ich selbst bei einem Anschlag schwer verletzt worden bin. Aber noch bin ich da, und noch gibt es das Jerusalem, das ich meine. Nicht nur das historische, in dem jeder Stein eine Geschichte erzählt, nein, vor allem das plurale, sozial gemischte, in dem die christlichen Kirchenglocken läuten und der Muezzin die Stunden ausruft. In dem alle Weltsprachen irgendwo gesprochen werden, nicht zuletzt das Deutsch jener ‚Jeckes‘, die nicht weit von unserem Haus ihr Viertel hatten. Und in dem natürlich vor allem wir, die Juden, jeder auf seine Weise, säkular oder religiös, leben können, obwohl, ich gestehe es, die Religiösen, die Orthodoxen, auf dem Vormarsch sind und die Atmosphäre auf eine ungute Weise immer stärker verändern, hin zur Verhärtung und Verstocktheit, was mir sehr zu schaffen macht. Aber auch das muss man aushalten, man muss Vielfalt aushalten können, und man muss auch dafür kämpfen, dass Vielfalt, vielfältige Glücksmöglichkeiten nebeneinander existieren können. Denn wie sagt Ihr Bertolt Brecht so schön: ‚Wer kämpft, kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren.'“
Shalev verschweigt manche problematischen Seiten der israelischen Gesellschaft nicht. Aber sie sagt: „Es ist wahr, ich sehe Israel als eine große Familie, und wenn ich in ‚Für den Rest des Lebens‘ über diese eine, sehr spezielle Familie schreibe, dann meine ich auch Israel. Wenn Avner, der Anwalt der Entrechteten, an einer Stelle sagt: ‚Bei uns passiert alles in großem Stil, aber nur in der Einbildung, große Träume und kleine Taten‘, dann denkt er natürlich zunächst einmal an seine Eltern und Geschwister. Aber er denkt auch an sein Land. Und so denke ich auch manchmal: Wir haben diesen Hang, in Mythen über uns zu sprechen. Doch die Mythen sind entzaubert. Der Heroismus der Gründerjahre mit seinen Entsagungen ist entzaubert. Der Mythos von Israel als Obdach für die ganze Judenheit ist entzaubert. Davon geblieben ist nur der eine, brennende Wunsch: Wir wollen überleben.“