Die Bildungsberichte der OECD sind in der Regel unzuverlässig. Weil sie qualitative Kriterien vernachlässigen und quantitativ vorgehen, um nicht zu sagen formalistisch. Weil sie historisch gewachsene unterschiedliche Bildungsniveaus nicht berücksichtigen. Weil sie den Vorzug der beruflichen Bildung in Deutschland im dualen System nicht erkennen können. Und Weiteres mehr. Den letzten OECD-Bildungsbericht nennt selbst die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) „abwegig“.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die soziale Selektivität im deutschen Bildungssystem zu hoch ist. Hier studieren nur 6 Prozent der Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsniveau, international sind es im Schnitt 17 Prozent. Besonders benachteiligt werden Kinder mit Migrationshintergrund. Einmal durch die ungünstigen Startbedingungen. Zum anderen durch die schlechteren Lernumfelder. Das darf so nicht bleiben. Die Bildungsreserven müssen erschlossen werden. Zumal Deutschland allmählich damit begonnen hat, fehlende Fachkräfte aus dem Ausland systematisch anzuwerben. Das ist richtig. Die OECD-Länder geben im Durchschnitt 6.2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus. Deutschland 5,3 Prozent.
Sebastian Gallander (SZ 12.9.12) kommt auf die Gründe für die Lage zu sprechen. Er nimmt sich die kürzlich vorgestellte Vodafone-Studie zum Studienerfolg in Deutschland vor. Danach erreichen zwar mehr junge Leute aus den Unterschichten die Hochschulreife, aber sie studieren dann nicht. Ihr Anteil an den Studierenden ist sogar gesunken. Gallander betrachtet die „Luke ‚Studium'“ und die „Luke ‚Berusausbildung'“ und kommt zu dem Schluss, dass sich die soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem sogar vergrößert hat. Im globalen Bildungswettstreit ist es nicht gut, dass in Deutschland die Kluft zwischen arm und reich wächst.
Gallanders Fazit: „Die für Deutschland typische duale Berufsbildung ist ein beispielloses Erfolgsmodell, um das uns viele Länder beneiden. Gerade deshalb sollten ja auch die jungen Menschen davon profitieren können, die von Haupt- und Realschulen kommen. Zugleich sollten mehr von den Schulabgängern, die studieren könnten, dies dann tatsächlich tun.“ Die Möglichkeiten sind da. Nutzen müssen sie die jungen Leute aus den Unterschichten selbst. Ihre Eltern sollten das erkennen und unterstützen.