214: Gitta Sereny im Alter von 91 Jahren gestorben

Am 14. Juni ist Gitta Sereny (1921-2012) in einer Klinik in Cambridge gestorben. Als Journalistin hatte sie sich unermüdlich und unerschütterlich darum bemüht, die Frage, woher die Gewalt kommt, zu beantworten. Die gebürtige Wienerin stammte aus einer ungarischen Adelsfamilie. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie in Frankreich als Krankenschwester und kam dann zum Journalismus. 1947 erschien ihr erstes Buch über den KZ-Leiter Franz Stangl. Schon darin deckte Sereny manche Ursachen nationalsozialistischer Gewalt gründlicher auf, als es anderswo geschah. Sereny stand etwa Erkenntnissen aus der Psychoanalyse aufgeschlossen gegenüber.

Die von Sereny angefertigten Protokolle über bedeutende Nazis hatten ihr die Kritik eingetragen, sie sei dabei mit zu großem persönlichen Engagement vorgegangen. Dies wurde ihr gerade im Fall Albert Speers vorgeworfen. Dabei war Sereny hier in der Analyse weit vorgedrungen. Sie scheute Tabus nicht und bewies Ungeduld gegenüber eingefahrenen Denkmustern.

1998 erschien Serenys Buch „Schreie, die keiner hört“ über die elfjährige Gefängnisinsassin Mary Bell, die gemeinsam mit einer Freundin zwei Jungen erwürgt hatte und dafür wegen zweifachen Totschlags verurteilt worden war. Bell erschien vielen anderen als „Monster“. Sereny hatte nicht nur Gespräche mit Freunden und Verwandten und die Lebensumstände genau protokolliert, sondern Mary Bell auch Geld gegeben. Das ertrug eine anständige wissenschaftlich-journalistische Welt nicht. Sereny bekam den Ruf einer „Sensationsjournalistin“. Sie erforschte auch das Leben der beiden Jungen, die wegen des Mordes an Jamie Bulger verurteilt worden waren.

Gitta Sereny war eine ungewöhnlich menschliche und in ihren Methoden unorthodoxe Journalistin, deren Leitmotiv Gerechtigkeit war.

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