199: Ist der Autor tot ?

Für die Urheberrechtspolitik der Piraten war die Ausrufung des Tods des Autors vor vierzig Jahren prophetisch. Damals war es der letzte Schrei, ein geisteswissenschaftlicher.  Danach war der „Urheber“ bloß ein Knoten im Flechtwerk von Texten, Zeichen und Diskursen. Michel Foucault, der aber m. E. noch anderes im Schilde führte, frohlockte: „Wen kümmert’s, wer spricht? Das Kennzeichen des Autors ist seine Abwesenheit.“

Das führt uns ins Mittelalter zurück, das jedenfalls in der Theologie keinen „auctor“ kannte, sondern nur Skriptoren, Kopisten oder Kommentatoren. Alle gemeinsam arbeiteten mit am „Buch der Welt“. So sind heute für die Piraten die User Produzenten und Konsumenten, sie sind Verteiler und Vervielfacher. Das Betriebsgeheimnis des Netzes ist die Kopie.

Ähnlich hatte es schon Friedrich Nietzsche gesehen und gegen die Aufklärung gewendet, die gerne mit dem aufgeklärten Subjekt und seiner Verantwortung vor der Welt und für die Welt hantierte. Nietzsche widersprach Immanuel Kant und René Descartes, die proklamiert hatten, das Subjekt oder der Autor seien eine souveräne und mündige Instanz. Für Nietzsche war das Subjekt eine „Fabel“. Für seinen Leser Martin Heidegger war das selbstbestimmte Subjekt ein Dorn im Auge. Der Mensch spreche nicht selbst, er werde gesprochen. Es sei die Sprache, die ihn spreche. Ich frage mich, ob dies etwas damit zu tun hat, dass Heidegger 1933 „den Führer führen“ wollte.

Friedrich Kittler, der im letzten Jahr gestorbene Kulturwissenschaftler, hat Martin Heidegger „digitalisiert“. Was für Heidegger der große Strom der Sprache ist, das ist bei Kittler der Strom des computergenerierten Wissens, der Stom der Codes, der Zeichen und Daten. Die Computertechnik gibt den Takt vor. Und wir Menschen zappeln nur in den Netzen. Was bei den Piraten dabei herauskommt, formuliert ihr Berliner Sprecher Christopher Lauer vielsagend: Die Piraten leiteten „viele Forderungen aus den technischen Gegebenheiten des Netzes ab. Die stehen für uns wie Naturgesetze.“ Das bringt Thomas Assheuer („Die Zeit“, 3. Mai 2012) auf die drastische, aber schlüssige Formulierung: „Die Verklärung der Computertechnik zum ‚Naturgesetz‘ ist Schicksalsglaube 2.0.“

Es gibt bei vielen Intellektuellen, die eigentlich gerade seit Emile Zolas „J’accuse“ 1898 die Kaste sind, die sich selbstbewusst überall einmischt, um die Welt zu verbessern, den eigentümlichen Hang, die Selbstverantwortung von uns Menschen in Frage zu stellen und ominöse Kräfte als entscheidend anzunehmen. Das sind im Kern Verschwörungstheorien, die alles Erdenkliche und Unmögliche möglich machen. Davon sollten wir schon auf Grund unserer politischen Erfahrungen im 20. Jahrhundert die Finger lassen. Insbesondere dann, wenn wir wissen wollen, wer für welche Entwicklung die Verantwortung übernehmen muss. Denn aus der Verantwortung dürfen und können wir niemand entlassen. Am Ende auch die Piraten nicht, von denen die meisten wohl noch gar nicht wissen, dass sie mit dem Feuer spielen.

Der Autor ist nicht tot, und er war nie tot. Das war er nur in attraktiv erscheinenden Gedankenspielen, die uns nicht vorwärts führen und nicht rückwärts, sondern seitwärts ins Gestrüpp. Einmal ganz abgesehen von dem Autor in der analogen Welt, der von seinen Schöpfungen auch leben können muss, trinken, essen, wohnen und vieles andere mehr.

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