Die meisten Angehörigen des wissenschaftlichen Personals an Universitäten äußern sich nicht zum Bologna-Prozess, also im Wesentlichen der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge. Überwiegend gewiss aus der Erkenntnis heraus, dass sie als Angehörige eines neuen Systems in diesem nun funktionieren sollen. Und nicht Kritik üben. Das wäre in einem Machtspiel an der Alma Mater möglicherweise sogar gefährlich.
Anders der Bayreuther Literaturwissenschaftler Joachim Schultz, 63. Er verlässt die Universität vorzeitig wegen Bologna (SZ 4.4.12). Er hat den Eindruck, dass er nicht mehr das machen kann, was er als seine Aufgabe sieht: Studenten zu kreativer Arbeit anzuleiten. „Der Stundenplan in den Geisteswissenschaften ist nach der Bologna-Reform verschult und abgezirkelt, die Spielräume sind eng. Zusammen mit den Studiengebühren, die es in Bayern ja immer noch gibt, bleibt den Studenten für Kreatives kaum Zeit. Sie müssen schließlich Geld verdienen.“
Studenten der Literaturwissenschaft hätten manchmal nicht einmal Interesse an einer Exkursion zum Literaturarchiv nach Marbach. „An einem Werktag, sagen mir Studenten, verpassen sie zu viele wichtige Seminare, und alles ist prüfungsrelevant.“ Unter Studenten hat sich eine Mentalität entwickelt, wie sie möglichst schnell zu den für sie wichtigen Leistungspunkten kommen. Für Schultz ist das größere Problem aber, und das sagen alle seine Kollegen: Was man früher in fünf Jahren gemacht habe, müsse man heute in drei machen.
„Das primäre Problem ist: Die Studenten bekommen an der Hochschule kaum noch das Rüstzeug, das sie für einen Job brauchen. … Ich habe den Eindruck, dass wir hier nur noch das akademische Prekariat ausbilden.“
Die beiden Hauptziele der Bologna-Reform,
1. eine Studienzeitverkürzung und
2. die europaweite Durchlässigkeit
würden nicht erreicht.
Der Mentalitätswandel bei den Studenten werde durch Studiengebühren verstärkt. „Sie zahlen, und dadurch erwarten sie offenkundig auch, dass geliefert wird. Bildung aber kann man nicht liefern. Das Wichtigste, das eigene Arbeiten und Forschen, kommt zu kurz. Dafür ist zu wenig Zeit. Und zu wenig Lust.“ Er, Schultz, habe ein Seminar gehalten, in dem gefragt wurde, was die Klassiker in unserem täglichen Leben bedeuteten. Zum Beispiel im Film. „Ich spreche eine Wim-Wenders-Verfilmung an – und das Gemurmel geht los: Wenders? Wer ist das?“
Nach Schultz‘ Meinung wären in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts bei Einführung von Studiengebühren die Universitäten lahmgelegt worden. „Die Studenten heute sind lammfromm, die lassen sich das alles bieten.“