Wie soll Deutschland seine Führungsrolle in Europa spielen ?

Unausweichlich haben die Knobelbecher und Hitlerbärte in den europäischen Massenmedien kommen müssen, seit Angela Merkel nun schon seit längerem die Führung bei der wirtschaftlichen Konsolidierung der EU (27 Staaten) und der Euro-Zone (17 Staaten) übernommen hat. Der neue italienische Ministerpräsident Mario Monti hat vor antideutschen Protesten gewarnt, sollten die italienischen Sparbemühungen nicht ernst genommen werden. Deutschland wird als besserwisserischer Musterschüler gesehen. Dies ist einer der vielen Fälle, in denen es nicht genügt, Recht und die Verhältnisse im eigenen Land geordnet zu haben, sondern wo Charme, Überredungskunst und Verständigungswillen gefragt sind. 

Die Rolle, in die sie da geraten sind, kommt den Deutschen ungewohnt vor. Joachim Käppner (SZ 1.2.12) hat den von Heinrich August Winkler beschriebenen „langen Weg nach Westen“ als Resozialisierung der Deutschen und als Einübung in Bescheidenheit und Demut gekennzeichnet. Worauf es nun ankommt, ist, die Führungsrolle auch anzunehmen und auszuüben. Natürlich nur gemeinsam mit dem Achsenpartner Frankreich, der leider mehr wirtschaftliche Probleme hat als wir. Vermieden werden müssen solche Desaster wie das Libyen-Fiasko 2011, wo der unglückliche deutsche Außenminister Westerwelle Deutschland von Frankreich und Großbritannien weg an die Seite Chinas und Russlands geführt hatte. Das alles kommt von dem Motto „Nie wieder Krieg!“. Es geht nicht mehr, an Europa und der Globalisierung nur mitverdienen zu wollen und die außenpolitische Kärrnerarbeit Großbritannien und Frankreich zu überlassen. Oder gar den USA, deren militärische Interventionen wir Deutschen dann gerne mit Pazifismus begleiten.

Die Versuchung ist der hässliche Nationalismus, der in der letzten Zeit gerade in Südeuropa wieder sein Haupt erhoben hat und der glatt in die Irre führt. „Sie bricht leicht wieder hervor, eher verzweifelt in Griechenland, bizarr-peinlich im heutigen Ungarn, mörderisch in den Jugoslawienkriegen 1991 bis 1999. Das einzige Gegengift ist das vereinte Europa.“ Dieses bedarf der Führung durch Deutschland und Frankreich, insbesondere solange Großbritannien einen eigenen Weg gehen will. Natürlich hat die Bewältigung der europäischen Krise nichts mit den Massakern in Griechenland im Zweiten Weltkrieg und der Bombardierung von Coventry zu tun, wir sollten aber nicht ungeduldig werden und uns zu törichten Gegenäußerungen hinreißen lassen. Nach meiner Wahrnehmung findet eine beharrliche und auf große Gesten verzichtende, ökonomisch vernünftige Politik positive Resonanz in vielen europäischen Eliten. Wir dürfen uns etwa nicht von den Slogans der britischen Boulevardpresse in die Irre führen lassen. Deren Schlagzeilen sind zur Auflagenerhöhung da und nicht für politische Lösungen.

Die deutsche Politik und die Deutschen müssen damit fertigwerden, dass unsere Nachbarn und EU-Partner noch nicht automatisch bereit sind, hinter der Politik der Bundesregierung gute Absichten anzunehmen (so schreibt es auch Derek Scally in der SZ vom 2.2.12). Denn tatsächlich gehen ja zwei Drittel unseres Exports in eben diese Länder. Unvermeidlich ist eine ökonomisch vernünftige Haushalts- und Sparpolitik mit richtig dimensionierten Rettungsschirmen. Das Ziel bleibt eine gemeinsame Währung, freier Warenverkehr, offene Grenzen und Völkerfreundschaft. Diese dient nicht in erster Linie dem Export, sondern resultiert aus den schlimmen Erfahrungen der beiden großen Weltkriege im zwanzigsten Jahrhundert. Insofern hat Deutschland tatsächlich etwas gutzumachen. Vielleicht ist ein wenig tröstlich, was Derek Scally schreibt: „Die Sache ist die: Wie noch nie zuvor in den vergangenen Jahren wächst … überall in Europa das Interesse an Deutschland.“

Wir Deutschen sollten diesem Interesse mit Offenheit und Verständigungsbereitschaft begegnen.

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