Der Westen: erklärt von Heinrich August Winkler

Manchmal kommt es mir so vor, als wüßten wir gar nicht gut genug, wer wir sind (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. Hamburg 2009). Und manches „wir“, das hier geschrieben wird, ist polemisch und rhetorisch, weil es dazu zwingen soll, dieses „wir“ zu erkennen. Uns im von den Menschenrechten geprägten Westen. Den hat uns nun nochmals Heinrich August Winkler erklärt, der beste Kenner der Materie (FAS 25.12.2011). Ich fasse seine Aussagen in einem Interview in zehn (10) Punkten zusammen:

1. Der Westen ist das lateinische Europa, das über das Mittelalter hinaus sein spirituelles Zentrum in Rom hatte, weshalb auch heute noch der Papst für uns wichtig ist, selbst wenn er sehr viel Unschlüssiges ausspricht. Hier begann die Geschichte der Gewaltenteilung (Legislative, Exekutive, Jurisdiction).

2. Im Okzident gab es die großen Emanzipationsprojekte

a) Renaissance,

b) Reformation und

c) Aufklärung,

die nirgends sonst stattgefunden haben.

3. Seit Martin Luther ist das individuelle Gewissen die entscheidende Instanz, an der unser Handeln letztlich gemessen wird.

4. Es waren britische und amerikanische Christen und Nonkonformisten, welche die Menschenrechte proklamiert und die Demokratie ausgerufen haben (1776).

5. Montesquieus Gewaltenteilung wies den richtigen Weg. Und nicht Rousseaus Volonté Générale, auf die sich stets auch totalitäre Bewegungen berufen können.

6. Die Ideologie eines deutschen Sonderwegs und einer speziellen europäischen Mittellage haben ausgedient und sind obsolet.

7. Das Bekenntnis zum Westen ist anscheinend auch 2011 nicht selbstverständlich, wie als Tiefpunkt deutscher Außenpolitik die Stimmenthaltung in der Libyen-Frage zeigt.

8. Je stärker sich die Vereinigten Staaten von Amerika dem Pazifik zuwenden und wirtschaftlich von China abhängig werden, desto wichtiger wird es, dass Europa in wichtigen Fragen ein einheitliches Votum abgibt.

9. Der im jüdischen und christlichen Monotheismus steckende Gedanke der Gleichheit der Menschen vor Gott geht dem Gedanken der Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz voraus. In der Gottesebenbildlichkeit steckt schon die Menschenwürde.

10. Die moderne repräsentative Demokratie entwickelte sich nicht in Griechenland, das in Byzanz unmittelbar fortwirkte und nicht zu Demokratie, Aufklärung und Emanzipation führte.

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