Der Londoner Büroleiter der kanadischen Zeitung „The Globe and Mail“, Doug Saunders, verfolgt die Wanderungsströme auf der Welt seit vielen Jahren. Dabei beobachtet er die Veränderungen in den schnell wachsenden Städten Rio, Istanbul, Shenzen, Mumbai, Los Angeles und Berlin genau. Darüber hat er sein neues Buch „Arrival City“ veröffentlicht. „Ankunftsstädte“ nennt er u.a. die genannten Städte. Nach Saunders zieht ein Drittel der Menschheit vom Land in die Städte. Diese gewaltige Wanderungsbewegung und Landflucht betrachtet er aber nicht als Verfallserscheinung, sondern als Chance für die Menschheit. Jan Früchtjohann hat ihn für die SZ auf einer ganzen Seite interviewt (25.11.2011).
Saunders‘ Thesen stehen gewiss im Gegensatz zu den Überzeugungen von vielen deutschen Öko-Bürgern, die mit ihren Wärmetauschern und Windkraftanteilen auf’s Land gezogen sind und dort mit ihren zwei Autos die Welt ökologisch korrekt beobachten. Sich etwa wundern, warum in der Türkei so viele Häuser nicht erdbebensicher gebaut worden sind.
Nach Saunders profitieren die Städte, die Migranten Zutritt gewähren und willkommen heißen, bald von einer neuen Mittelschicht. „In Europa hat ein Großteil der Bevölkerung jahrhundertelang auf dem Land gelebt und sich von der Landwirtschaft ernährt. Massenhafte Hungersnöte waren damals keine Seltenheit. Erst seit fast alle Europäer in Städten leben und die restliche Landbevölkerung für sie im industriellen Maßstab Nahrung produziert, sind Hunger und Armut keine dringenden Probleme mehr. Eine Wirtschaft der Selbstversorger ist einfach nicht besonders effizient.“ Saunders hält die neuen Megacitys für den besten Ansatz, die Probleme der wachsenden Weltbevölkerung zu lösen. Weil die Migranten motiviert und aufstiegsbewusst seien und mit großem Fleiß an ihrer Emanzipation arbeiteten.
Die entscheidende Verhaltensänderung sieht Saunders darin, dass die Migranten im Gegensatz zur Landbevölkerung, bei der Kinder Reichtum bedeuteten, bald genau so wenig Kinder bekommen wie andere soziale Gruppen. In der Verstädterung läge in Südamerika der Grund, dass viele Staaten dort inzwischen demokratisch und stabil regiert würden. Im Gegensatz zu den peronistischen und anderen undemokratischen Modellen.
Prototyp der neuen Megacity ist für Saunders Istanbul. Die Stadt sei von 1960 bis heute von einer Million auf ca 14 Millionen gewachsen. Die Migranten wohnten in den vielen illegal errichteten Häusern in den Außenbezirken. Durch die allmähliche Legalisierung der über Nacht hingestellten Häuser sei eine leistungsfähige Mittelschicht entstanden. Sie stütze den gegenwärtigen Ministerpräsidenten Erdogan und sei wie dieser für Europa und die Marktwirtschaft.
Auf die Frage, warum ausgerechnet aus den ärmsten Vierteln die Lösung der meisten sozialen Probleme kommen solle, antwortet Saunders: „Ganz einfach: Weil fast alle, die neu in die Stadt kommen, für sich eine bessere Zukunft schaffen wollen. Die sind nicht zufällig hier. Sie kommen aus armen Regionen, aber es sind selten die Ärmsten der Armen, die nirgendwo anders hinkonnten. Im Gegenteil: Sie haben am meisten Geld gespart, sind besonders ehrgeizig und zielstrebig.“
Laut Saunders gibt es in den Megacitys den „paradoxen Effekt“. Gerade wenn die Viertel als Ankunftsstadt gut funktionierten, nähme die Armut zu. „Das liegt daran, dass solche Orte Sprungbretter sind: Wenn es läuft, gehen die Kinder weg zur Uni, die Erwachsenen ziehen in einen bessere Gegend und vermieten ihre Häuser an ärmere Leute, die aus dem Dorf nachziehen. Deshalb denkt die Stadtverwaltung, es ginge steil bergab, während es eigentlich steil bergauf geht. Die Beamten sehen nur die Armutsquote und schicken Sozialarbeiter.“ Die Migranten brauchen nach Saunders aber keine Motivationstrainer, sondern technische Hilfe für ihre kleinen Geschäfte.
Saunders sieht die Probleme in China, wo bis zu 200 Millionen Menschen nicht offiziell Bürger der Städte sind, in denen sie tatsächlich wohnen. Dort betrachte man Einwanderer nicht als Investition in die Zukunft, sondern schließe sie aus. „So entstehen kriminelle Parallelgesellschaften.“ Laut Saunders schicken die chinesischen Städter mehr Geld auf’s Land als die Landbevölkerung durch Landwirtschaft verdient. Die politische Führung fürchte sich davor, die Migranten voll zu integrieren. Dafür gibt es wirtschaftliche Gründe: wenn die Städter nicht mehr so viel sparen wie die traditionelle Landbevölkerung kann die Volkswirtschaft ins Straucheln geraten. Ein Gedanke, der angesichts der Krise der Finanzmärkte nicht einfach von der Hand zu weisen ist. Trotzdem: die europäische Bevölkerung wird immer älter. So ensteht automatisch eine Nachfrage nach mehr jungen Einwanderern. Sie sind keine Parasiten, sondern – viel wahrscheinlicher – die Lösung der Probleme. Für Saunders kommen die Neuankömmlinge besser mit der Lage zurecht „als die Enkel der alten, überflüssig gewordenen Arbeiterklasse“.
Die Probleme der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland sieht Saunders darin, dass sie bis vor elf Jahren kaum eine Chance hatte, die Staatsbürgerschaft zu bekommen. Die Arbeitgeber wollten sie aber gerne behalten. „Sie sollten dableiben, durften aber nicht ankommen: Das hat eine Wunde gerissen, die bis heute nicht verheilt ist.“ In diesem Zusammenhang ist die Forderung nach einer doppelten Staatsbürgerschaft viel verständlicher, die auch Saunders stellt. „Wenn man es einer großen Bevölkerungsgruppe schwermacht, sich einzubürgern, ein Geschäft zu gründen, ihre Kinder auf gute Schulen zu schicken, dann ziehen sie sich eben in eine andere Welt zurück.“
Saunders Überlegungen vertragen sich nicht leicht mit einer an Gutmenschen orientierten Weltsicht. Er hat wohl auch sehr wenig ökologische Probleme bedacht. Aber gerade angesichts der riesigen ökologischen Probleme in den Schwellenländern China, Indien, Brasilien oder Türkei, die neuerdings ja als ökonomische Lokomotiven gesehen werden, kommen mir seine Thesen ziemlich plausibel vor. Jedenfalls stellen sie unsere ökologische Idyllik massiv in Frage.