Shlomo Sands Buch „Die Erfindung des Jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand.“ hat schon Furore gemacht. Hauptsächlich in Israel, wo es mehrere Wochen auf der Bestsellerliste stand. Und während Micha Brumlik es positiv rezensiert (Vgl. unten Henryk Broder kritisiert Henning Mankell), lehnt Henryk Broder es als weiteres Modul im Rückbau des Zionismus ab.
Nun hat Michael Brenner es in der „Literarischen Welt“ (3.7.2010) besprochen, einem journalistischen Platz in Deutschland, an dem zionistischen Perspektiven breiter Raum gebeben wird. Brenner, dem das Buch offensichtlich gegen den Strich geht, bemüht sich um Schadensbegrenzung. Er versucht, das Buch so weit es geht, schlecht zu machen, ohne dem Autor voll die Reputation abzusprechen oder ihm nicht ehrenwerte Motive zu unterstellen. „Shlomo Sand ist ein angesehener Historiker moderner französischer Geschichte an der Universität Tel Aviv.“
Sands Absicht sei politisch. Die Juden seien für ihn keine Nation, da sie keine gemeinsame Abstammung und über zwei Jahrtausende auch kein eigenes Territorium gehabt hätten. Vielmehr sei die Existenz der Juden auf die Massenkonversionen anderer Völker zurückzuführen. „Folglich stammen Barbra Streisand und Bob Dylan nicht von König David ab, sondern von den Himjaren und Chasaren.“ Für Brenner ignoriert Sand geflissentlich die Werke der jüngeren jüdischen Geschichtswissenschaft, in der seine Erkenntnisse doch längst außer Frage stünden. Neu seien weder seine Quellen noch seine Thesen. Aber was ist dann so schlimm an Sands Buch?
Brenner sieht zwei Probleme. Einmal betrachte Sand die Juden nur als Religionshemeinschaft, was auf einem anachronistischen Verständnis der vormodernen Judentums beruhe. Und Arthur Koestlers Entdeckung der Chasaren als Basis des Judentums sei wissenschaftlich nicht belegt. Zum anderen, dies ist sehr wichtig, argumentiert Brenner mit „Na, und!“. „Anders als man nach der Lektüre dieses Buches vermuten könnte, braucht der Staat Israel keinen Nichtariernachweis bis hin zu den biblischen Königen, um seine Existenz zu legitimieren.“ In der Tat. Aber dann ist die ganze Aufregung um Sands Buch kaum verständlich. Sand hat in Israel, wie auch Brenner feststellt, einen Nerv der Zeit getroffen. Den nämlich, über die Grundlagen des jüdischen Staates neu nachzudenken. Etwas gönnerhaft schreibt Brenner dazu: „Insofern hat diese Buch, auch wenn es historisch nicht überzeugt, eine gesellschaftliche Funktion erfüllt.“ Auch Brenner findet es „anregend“. Israel hat einen Gründungsmythos wie viele andere Staaten auch. Das können wir ertragen.