Der niederländische Schriftstller Leon de Winter, der Europa keine Chance mehr gibt (vgl. unten: Der Primat der Politik in Europa), hat sich in der „Literarischen Welt“ (12.6.) die „nützlichen Idioten“ des Nahostkonflikts vorgeknöpft, die er in den „Progressiven“ Europas erkennt. Im Grunde müsste de Winter auch Israelis wie David Grossman, Amos Oz und Moshe Zimmermann dazu zählen. De Winters Ausgangsthese ist, dass Gaza frei sei, diese Freiheit jedoch dazu nutze, „um israelische Dörfer mit Terror zu überziehen“. An den Beispielen „Kindersterblichkeit“, „Bevölkerungswachstum“ und „Lebenserwartung“ im Vergleich des Gaza-Streifens mit den umliegenden arabischen Staaten und der Türkei versucht er, seine Argumentation zu untermauern.
Dann komt die zentrale Stelle in seinem Beitrag, wo er zu zeigen versucht, dass und warum die „Progessiven“ Israel hassen: „Einer der Gründe muss sein: Israel ist ein starkes Argument gegen den kulturellen Relativismus. Israel hat eine freie Presse, Männer und Frauen haben die gleichen Rechte, es herrscht Versammlungsfreiheit – Beweise für die Überlegenheit westlicher Kultur. Progressive hassen Israel, weil das Land in einem Meer muslimischer Rückständigkeit traditionelle europäische Werte repräsentiert. Zudem ist Israel der Körper, der jene nicht greifbare Ethnizität beherbergt, mit der der Westen seit dem Mittelalter ringt: der Judaismus, diese eigentümliche Kraft, die als arrogant, überholt, tribal, widerwärtig und zugleich begehrt gilt.“ Das Problem für viele Juden sei, dass sich die modernen „Progressiven“ nicht mehr von den alten Antisemiten des 20. Jahrhunderts unterscheiden ließen. Die „Progressiven“ seien gefangen in einem komplexen politischen Spiel. „Ein Spiel, dessen Herren Türken und Iraner sind.“ Dabei hätten weder die Türkei noch Iran, beides nicht-arabische Länder mit einer Jahrhunderte alten Abneigung gegen Araber, Grund, sich von Israel bedroht zu fühlen oder eine besondere Sympathie für die Palästinenser zu hegen.
Die offene Unterstützung der Hamas durch die Türkei sei ein direkter Affront gegen Ägyptens Machthaber, welche die sunnitische Welt lange Zeit angeführt hätten. „Dass die Türkei das Symbol des palästinensischen Opfers radikal an sich gerissen hat, markiert einen scharfen Einschnitt in die geopolitische Landschaft des Nahen Ostens.“ Das Zentrum der sunnitischen Welt habe sich von Kairo nach Ankara verlagert. Im neuen Bündnis mit dem schiitischen Iran hätte sich die Türkei die Ölquellen in Turkmenistan und Aserbeidschan gesichert, während Iran sich in dieser Hinsicht nach Süden und in den Irak orientiere. „Der neue islamische Mensch wird in der Türkei und in dem Iran entstehen. Er wird die Werkzeuge, die er vom Westen übernommen hat, gebrauchen, um seine Herrschaft über die Welt auszudehnen. Unterdessen hat ein unentschiedenes, schwankendes Amerika keine Antwort auf die Herausforderung durch dies Koalition.“ Der gegenwärtige amerikanische Präsident, dessen Namen de Winter nicht nennt, sei ein Mann, der in progressiven Kreisen augewachsen sei, in denen traditionelle Machtpolitik ebenso verunglimpft werde wie ein angeblich imperialistisches, kolonialistisches Israel – er sei ein Produkt akademischer Zirkel, die sich allumfassende Illusionen über die regulierende Rolle, die internationale Organisationen wie die Vereinten nationen spielen sollten, hingäben. Anscheinend vermisst de Winter George W. Bush.
Seit Montag, dem 31.5.2010, gäbe es die Phase eins von etwas völlig Neuem. Es bestehe in der Allianz zwischen Ankara und Teheran, der Allianz zweier islamischer Regime, „die islamofaschistisch sind. Es wird nicht lange dauern, bis sie Atomwaffen haben.“ Darauf läuft es bei solchen Argumentationen immer hinaus, die bald im Iran vorhandenen Atomwaffen. Für Autoren wie Leon de Winter und Henryk M. Broder scheint dies Überlegungen zu einem „westlichen“ Präventivschlag nach sich zu ziehen. Und ist das falsch? So sehr de Winter zuzustimmen ist, dass Israel westliche Werte in einem islamischen Umfeld verkörpert und wir (Europa) deswegen verpflichtet sind, ihm beizustehen, so schrecken wir doch vor weiteren militärischen Abenteuern in Nahost zurück.
Für de Winter können die Europäer nicht die Chance verstreichen lassen, Juden zu diffamieren. „Angesichts der jüngsten massiven Angriffe auf das Existenzrecht Israels wird deutlich, dass es unter Europäern ein großes Bedürfnis gibt, die Juden Mörder zu nennen – …“ Und dann bekommen die europäischen Medien noch ihr Fett ab. Die Millionen von Muslimen, die unter schlechteren Bedingungen lebten als die Palästinenser, würden in ihnen mit keinem Wort erwähnt. Und israelische Militäraktionen würden am liebsten mit dem Wort „Nazi“ versehen. Das neue Bündnis zwischen der Türkei und Iran werde von Rußland und China, wo zynische Eliten herrschten, gerne geduldet, weil dies den Westen schwäche.
Gestützt wird de Winters Argumentation von Bernhard Zand im „Spiegel“ (14.6.). Er sieht ebenso eine Abkehr der Türkei vom Westen und eine Hinwendung nach Osten. Angesichts des Flottendramas vor Israel habe der türkische Ministerpräsident Erdogan Israel des „Staatsterrorismus“ bezichtigt. „Heute ist ein Wendepunkt in der Geschichte. Von nun an ist nichts mehr, wie es war.“ Bernhard Zand sieht allerdings die Enttäuschung der Türkei über Israel früher. Er datiert sie auf den 27.12.2008. Damals habe sich Erdogan vom israelischen Ministerpräsidenten Olmert getäuscht gefühlt, der kurz nach einem Türkeibesuch auf Grund der Hamas-Raketenangriffe auf sein Land den Befehl zum Gazakrieg gegeben habe, ohne Erdogan davon zu informieren. 1400 Palästinenser seien dabei gestorben. Den Hauptgrund der Abwendung der Türkei vom Westen sieht Zand in der Weigerung der EU, die Türkei aufzunehmen.
So sehr ich der Feststellung de Winters zuzustimme, dass Israel zum Westen gehört und dessen (auch machtpolitische) Unterstützung verdient, so wenig darf das automatisch auf militärische Interventionen hinauslaufen. Es bleibt uns in Europa keine andere Wahl als zu verhandeln. Und über einen möglichen EU-Beitritt der Türkei sollten wir neu nachdenken. Gehört die Türkei zu Europa, schwindet die Gefahr einer Achse Ankara-Teheran. Und von einer wie auch immer gearteten Weltherrschaft ist nichts zu erkennen.