Es war zu erwarten, dass Jürgen Habermas‘ Plädoyer für Europa („Die Zeit“, 20.5.2010)Widerspruch finden würde. Das ist auch eingetreten. Thomas Steinfeld (SZ, 25.5.2010) findet Habermas sehr unpolitisch und verharmlosend der europäischen Krise gegenüber. Für die Einigung Europas stellt er ironisierend ab auf Jacques Tatis Film „Die Ferien des Monsieur Hulot“ (1951). Zum ersten Mal träten in Europa gegenwärtig Politik und Wirtschaft auseinander. Dabei werde der Euro zum Fetisch. Steinfeld wünscht sich natürlich eine Stärkung Europas: „Denn der Schaden, der entstünde, müssten mehrere Jahrzehnte europäischer Einigung rückgängig gemacht werden, wäre ungeheuer. Er überträfe bei weitem allen Nutzen, der durch diesen Prozess entstanden ist.“ Leider erkennten die Boulevardmedien mit ihrer Hetze gegen Griechenland die Stimmung bei den Menschen richtig. Dagegen gälte es zu agieren.
Ähnlich nimmt sich Bernd Ulrich („Die Zeit“, 27.5.2010) Habermas vor. Eingangs betont er, dass das neue Europa etwas noch nie Dagewesenes sei. Ein Staat und auch nicht, eine Währungsunion, aber keine Finanzunion, ein Experiment aus lauter Kompromissen. Dieses Experiment bedürfe der Vertiefung (bei ungewissem Ausgang). Die gemächlichen Zeiten der alten Bundesrepublik seien ein für alle Mal vorbei. Europa wehe ein eisiger Wind ins Gesicht. Mehr und mehr bekämen populistische Parteien eine Chance mit ihrer Agitation gegen die EU und den Islam. Dagegen müsse sich die Politik durchsetzen. Das französische Verfassungsreferendum (europäische Verfassung) von 2005 mit seinem „Non“ spreche eine deutliche Sprache. Dagegen hülfen keine alten Formeln, wie sie Habermas verwandt habe. Ein Vorbild falle zur Zeit aus, die USA. „Allerdings erlebt dort gerade die politische Kultur eine tiefe Zerrüttung, gepaart mit einer abenteuerlichen Überschuldung.“ In der Tat: die Hauptursache für die aktuelle europäische Krise ist das ewige Schuldenmachen der Staaten. Dies muss ein Ende haben. Steuersenkungen stehen nirgends auf der Tagesordnung.
In diese Richtung argumentieren ebenso zwei erfahrene und verdiente Politiker, die selbst Wesentliches zur europäischen Integration beigetragen haben: Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing („Die Zeit“, 27.5.2010). Sie bedauern u.a. die Artikel in der angelsächsischen Presse, die den Euro in ein schlechtes Licht rücken. Erforderlich sei mehr gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik. Das werde den Euro stabilisieren. Strikt geboten sei das Festhalten am Stabilitätspakt, der das Staatsdefizit auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts festschreibe. Die EU-Kommission habe hier zu wenig Courage gezeigt.
Schmidt und Giscard d’Estaing sehen unter den 27 Mitgliedsstaaten der EU drei Gruppen: „Die Briten, die Abstand zum Hilfsprogramm für Griechenland halten und die erst kürzlich nach den Wahlen bekannt gegeben haben, dass sie für weitere Integrationsschritte in der EU nicht zur Verfügung stünden.“ Die zweite Gruppe umfasse die Mehrheit der neuen Mitgliedsstaaten, die zwar gern bei einem Verständnis der EU als gemeinsamer Markt blieben, aber keinerlei Absichten bezüglich der Verteidigung des Euro geäußert hätten. „Die dritte Gruppe setzt sich aus den Euro-Staaten zusammen. Diese sollten nun schleunigst die Maßnahmen des 7. Mai umsetzen.“ Hinzukommen müssten dringend Maßnahmen für eine bessere Regulierung der Finanzmärkte und gegen Spekulationsspielräume. Deutsche und Franzosen sollten sich weiter einer gemeinsamen Vertrauensbasis verpflichtet fühlen. Unterschiede im Temperament und in der Denkweise habe es in den Führungen der beiden Staaten stets stets gegeben. „Nichts hat sie aber daran gehindert, die historisch einmalige französisch-deutsche Aussöhnung und den europäischen Einigungsprozess voranzutreiben.“ Wer sollte es besser wissen als Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing?