Mit welcher Umtriebigkeit und Gier jüdisches Vermögen während der Nazizeit zu Geld gemacht wurde, ist bekannt (Boris Pofalla, FAS 10.11.13). Warum es so schwer ist, im Fall Gurlitt die Besitzverhältnisse zu klären, demonstriert uns Ira Mazzoni (SZ 11.11.13). Er hält sogar ein Raubkunst-Gesetz für untauglich. Kunstwerke aus dem Nachlass von Hildebrand Gurlitt sind schon 1956 in New York und San Francisco ausgestellt gewesen. Dass dabei Arbeiten waren, die aus jüdischem Besitz geraubt oder in deutschen Museen beschlagnahmt worden waren, hat 1956 die Bundesregierung und auch in den USA niemand gestört.
Nun nimmt sich Kia Vahland (SZ 11.11.13) die Familie Gurlitt vor, die zweifellos die Hauptrolle in diesem Fall spielt: „Tatsächlich ist diese Geschichte groß: Hier überlebt im Nukleus das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte hinter den heruntergelassenen Rollladen eines modernen Mehrfamilienhauses. Ein einsamer Mann hortet das Erbe seines Vaters, wie es deutscher nicht sein kann: Hildebrand hat mit dem NS-Staat kooperiert und von ihm profitiert, er hat jüdische Sammler um ihr Vermögen und damit ihre bürgerliche Existenz gebracht und Museen um ihre Paradestücke der Moderne. Zugleich war er nicht nur selbst ein bisschen jüdisch, sondern auch ein Förderer und Verfechter eben jener Avantgarden, deren Werke er teils bewahrte, teils verkaufte.“
„Der Sohn Gurlitt mag einer von vielen Sonderlingen sein – im Diskurs der vergangenen Woche wurde er wegen seiner Kamerascheu zum halb wahnsinnigen Monster, dem alles zuzutrauen wäre. Die Rede ist dabei von einem Mann, der nicht einmal wehrhaft genug ist, um sich einen Anwalt zu nehmen.“
„Wer wie Gurlitt um 1933 in Deutschland geboren ist, war in der Regel weder Täter noch Opfer. Er wuchs in das Unrechtssystem hinein, stolperte noch als Kind durch den Wertewandel 1945 und gehörte dann zu den Bauleuten der neuen Republik. Erst jetzt, wo diese Generation hochbetagt ist, gerät ihr Lebensgefühl oftmals ins Wanken, reißen die alten Brüche auf, wie unzählige Sachbücher und Romane der vergangenen Jahre berichten. Meistens ist es die Enkelgeneration, die fassungslos die Erfahrungen und Verdrängungsleistungen der Älteren protokolliert. So könnte man auch Gurlitts Geschichte sehen: als Chance, etwas mehr zu erfahren und diesen deutschen Sohn vielleicht doch noch zum Sprechen zu bringen – und wenn nicht ihn, dann seine sorgsam verhüllten Gemälde, Grafiken und Akten.“
„Man kann Cornelius Gurlitt aber auch in seiner Hilflosigkeit zu einem von uns erklären. Sicher, er hat es nicht richtig gemacht mit seiner Angst, der Geheimniskrämerei und der unkritischen Bewunderung für seinen Vater. Es wäre jetzt die Zeit, mit ihm gemeinsam einen Weg zu finden, wie es besser gehen könnte. Dann nämlich müssten auch wir uns nicht mehr verstecken in unserem moralisch so sauberen Leben, unserem Stolz auf emissionsarme Autos und Eier glücklicher Hühner – Hauptsache, scheinbar schuldfrei. Wir dürften endlich die sein, die wir nun einmal sind: die Kindeskinder von Verbrechern.“