480: Marcel Reich-Ranicki, der größte Literaturkritiker in Deutschland, ist gestorben.

Zum Tode Marcel Reich-Ranickis (1920-2013) ist verständlicherweise schon viel gesagt und geschrieben worden. Ich beschränke mich hier deswegen auf Dinge, die m.E. betont werden sollten. Und ich erinnere mich an meine jüngeren Jahre, wo ich dankbar war, wenn Reich-Ranicki im allgemeinen links-liberalen Geschwätz jener Tage, das manchmal auch von Unkenntnis gekennzeichnet war, direkt, klar und verständlich sein Urteil sprach. Unvergessen, wie er in einem Artikel aus den sechziger Jahren (damals noch bei der „Zeit“) der Lesergemeinde erläuterte, dass Thomas und nicht Heinrich Mann unter literarischen Gesichtspunkten der große deutsche Schriftsteller war. Heinrich Mann war auf der Linken beliebt. Das war Marcel Reich-Ranicki ganz egal. Er war kompromisslos. Vieles von dem, was er tat, tat er aus Trotz. Nur er konnte uns zeigen, dass Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ ziemlich ungelesen und nicht so bedeutend ist, wie er aus Gründen der politischen Korrektheit immer hingestellt wird. Reich-Ranicki liebte die Zuspitzung und Übertreibung. Das übernehme ich gerne von ihm.

Gewiss hat sich Marcel Reich-Ranicki vielfach geirrt. Dann scheute er sich manchmal nicht, sein Urteil zu korrigieren. Aber er wusste, dass wir im Journalismus deutlich sein müssen, manchmal überdeutlich. Gustav Seibt spricht deswegen von seiner Kunst der Deutlichkeit (SZ 19.9.13). Und Marcel Reich-Ranicki war auch ein Machtmensch, der die Intrige nicht scheute. Davon wird aus seiner großen Zeit bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (1973-1988) viel berichtet. Ihn hatte das Warschauer Ghetto geprägt, wo er permanent vom Tode bedroht war, als Kollegen wie Walter Jens ihre Eintrittserklärungen in die NSDAP unterschrieben. Deswegen war er so hellhörig gegen politische Ideologien. Insbesondere auf der Linken war er höchst unbeliebt. Bei einigen verhasst. Marcel Reich-Ranicki konnte unterscheiden. Zwischen dem, was wichtig war, und dem Unwichtigen. In der Literatur hat er sich für das Fischsterben vor Grönland nicht interessiert. Seine auf einem deutschen Gymnasium erworbene Bildung und sein ungeheures Gedächtnis, er zitierte ganze Passagen aus den Klassikern auswendig, erlaubten ihm treffende Kürze und Schärfe. Er war, das sollten wir manchen Germanisten und Deutschlehrern vor Augen führen, für einen Literaturkanon und hat ihn ja auch herausgegeben.

Marcel Reich-Ranicki hatte seit 1958 die Gruppe 47 als Forum. Das nutzte er strategisch. Er machte Bestseller und inszenierte Verrisse. Bis hin zum „Literarischen Quartett“, das ihn endgültig zu einem Fernseh-Mann und Prominenten machte. Nicht beliebt, aber gefürchtet. In vieler Hinsicht blieb er unkonventionell. Sein Atheismus war diskret, aber ausgeprägt. Er erklärte: „Ich bin kein Deutscher.“ Aber wir Deutschen haben im höchsten Maß von seiner Literaturkritik profitiert. Und Marcel Reich-Ranicki erlaubte sich etwas in der Kritik, das heute außer Mode gekommen zu sein scheint, einen männlichen Blick auf den Sex und auf die Erotik. Ja, wir sind auch noch da.

1994 publizierte Reich-Ranicki sein Buch „Die Anwälte der Literatur“, in dem er von Gotthold Ephraim Lessing bis zu Joachim Kaiser 23 deutsche Kritiker porträtierte. Hier hat er sein Programm der Kritik entwickelt. Alle deutschen Journalistik-Studenten sollten es kennen. Reich-Ranicki wird nie abstrakt, er schreibt anschaulich und nachvollziehbar. Auch wenn nicht alle Werturteile überzeugend sein mögen. Ein sattes Freund-Feind-Denken greift hier Platz. Und nach der Lektüre wissen wir, wo wir zustimmen können. Oder wo wir nachlesen sollten. Reich-Ranicki hat dabei stets das Publikum im Auge. Wie er sich ja bei Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen größte Verdienste um die Verbreitung von Literaturkritik erworben hat.

Die Literatur war Marcel Reich-Ranicki stets die Gegenwelt, die er im Nationalsozialismus und im Ghetto brauchte, um zu überleben. Ein „portatives Vaterland“ im Geiste Heinrich Heines. Thomas Steinfeld (SZ 19.9.13) schreibt: „Für ihn war die Literatur .. nicht mehr eine der Künste, neben dem Theater, der Musik und der Bildenden Kunst, sondern die Kunst über allen – und eine Instanz, die, weil zu einer eigenen Institution geronnen, selbst nicht mehr substantiell herausgefordert werden konnte.“

Jedenfalls kriegen wir einen Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki nicht wieder.

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