478: James Salter: „Beim Lesen eines Romans können wir Kontakt zu wesentlichen Dingen aufnehmen“

James Salter gilt einigen Kritikern als der dritte große US-amerikanische Schriftsteller neben Philip Roth und John Updike. Er hat gerade das Buch „Alles, was ist“ (Berlin Verlag. Berlin, 368 S.; 22,99 Euro) herausgebracht. Thomas David hat ihn für die „Literarische Welt“ (14.9.13) interviewt.

LW: Ist der Roman ein Medium, das die Zeit entschleunigt?

Salter: Ich denke schon. Das Lesen, aber auch das Schreiben eines Romans gibt einem die Chance, zu sich selbst zurückzukehren – mit sich selbst allein zu sein. Die Kritikerin, die den Artikel in „Slate“ geschrieben hat, fordert von Autoren „Mitgefühl“ mit den Figuren, aber das ist nicht meine Sicht der Dinge. Es gibt eine Menge großer Autoren und Bücher, die ohne Mitgefühl auskommen, aber was ein Roman meiner Meinung nach leisten kann, ist, dem Leser die eigene Menschlichkeit vor Augen zu führen – ihn in eine menschliche Welt eintreten zu lassen. Wir bewegen uns natürlich tagtäglich in einer menschlichen Welt, wenn wir im Gedränge des Alltags unterwegs sind, aber das sind nur die Stromschnellen des Lebens, in denen wir dahintreiben. Beim Lesen eines Romans können wir Kontakt zu wesentlicheren Dingen aufnehmen als den Fragen nach den Nachrichten des Tages oder dem politischen Weltgeschehen.

LW: Was war eine revolutionäres Buch?

Salter: „Portnoys Beschwerden“ (‚Portnoy’s Complaint‘) war ein revolutionäres Buch, und obwohl ich es nicht sonderlich mag, muss ich Philip Roth zugestehen, dass er die Leute aufwühlte und sie sich fragten, ob man über derartige Dinge überhaupt reden, geschweige denn schreiben darf. Der Roman hat seit seinem Erscheinen Ende der Sechziger eine Karriere gemacht, aber um herauszufinden, ob er die Leute noch heute schockiert, müssten Sie nicht mich, sondern einen 15-Jährigen fragen.

LW: Sie sagten eben, dass literarische Figuren von Lesern und Kritikern gern mit ihren Autoren verwechselt werden, und angedeutet, dass diese Lesart ein Missverständnis ist.

Salter: Jedoch kein vollständiges. Die Figuren in „Lichtjahre“ zum Beispiel (1975, auf Deutsch 1998) sind dem Leben entnommen, und die Menschen, die mich zu dem Roman inspiriert haben, erkennen sich in meinen Figuren wieder. Ich würde also nie leugnen, dass ich Figuren dem Leben entnehme. Roth hat einmal gesagt, seine Vorstellungskraft sei die Bestie, die er auf die Tatsachen loslasse. Das heißt, er kennt die Menschen, die er beschreibt, ganz genau und benutzt dann seine Vorstellungskraft, um sie in Stücke zu reißen. Er hat offenbar eine sehr gefräßige Vorstellungskraft. Bei mir ist es ähnlich: Auch ich gehe von der Realität aus, verzichte aber auf das Massaker.

 

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