Taiye Selasi ist 1979 in London geboren. Ihr Debütroman erschien auf Deutsch unter dem Titel „Diese Dinge geschehen nicht einfach so.“ Sie hat am 4.9.13 das Internationale Literaturfestival in Berlin mit einer Rede eröffnet, die ich sehr bemerkenswert finde. Darin vertritt sie die These, dass es keine „afrikanische Literatur“ gibt (SZ 5.9.13).
Der „Vater der afrikanischen Literatur“, Chinua Achebe, resümierte schon 1965: „Jeder Versuch, afrikanische Literatur zu definieren, in Begriffen, welche die Komplexität der afrikanischen Welt nicht sehen, ist zum Scheitern verurteilt.“ Selasi stützt sich weiterhin auf Charles Simic, wo er sagt, dass die Literatur „die Verteidigung des Individuums gegen sämtliche Verallgemeinerungen (ist), die die Wirklichkeit in ein einziges konzeptuelles System pressen wollen“.
Wie eigentümlich Literatur manchmal wahrgenommen werde, sähen wir daran, dass Samuel Beckett, Eugène Ionesco und Andrei Makine als französische Autoren gelten würden, obwohl der eine in Irland, der zweite in Rumänien und der dritte in Russland geboren worden sei. Emile Zola war der Sohn eines italienischen Einwanderers. Joseph Conrad habe mit „Herz der Finsternis“ quasi einen „afrikanischen Roman“ geschrieben. Also hätte der Pole Conrad, der Englisch schrieb, „afrikanische Literatur“ schreiben können. Während Graham Greenes Roman „Das Herz aller Dinge“ nicht dazugehöre, weil er auch irgendwo außerhalb Afrikas spielen könne. Selasi kann sich nicht vorstellen, Salman Rushdie (Pakistan), Haruki Murakami (Japan), Mo Yan (China) und Arundhati Roy (Indien) als „asiatische Schriftsteller“ zu bezeichnen.
Sie selbst sei in London als Tochter einer in London geborenen nigerianischen Mutter und eines Vaters aus Ghana geboren und in Boston aufgewachsen. Sie spreche keine afrikanische Sprache und habe keinen afrikanischen Pass. Aber die Protagonisten ihres Romans seien in Ghana beziehungsweise Nigeria geboren.
„Jedes Mal, wenn wir ein Buch in die Hand nehmen, löschen wir unsere persönlichen Grenzen aus. Wir überschreiten die Markierungen unseres Selbst und betreten das unbekannte Territorium des Anderen. Nach den ersten Augenblicken der Desorientiertheit merken wir, dass wir zu Hause sind. Wir können nicht alle Künstler sein. Aber wir können alle Leser sein. Wir können alle dazugehören. Und wenn das klingt wie eine Utopie – eine Welt ohne afrikanische Literatur, ja, ohne ein Bedürfnis danach, eine Welt mit menschlicher Literatur – , dann würde ich sagen: ja, klar ist es eine Utopie.“