466: Daniel Kehlmann über Büchner, Schopenhauers Philosophie und über’s Windeln-Wechseln

Daniel Kehlmanns neuer Roman „F“ ist von Richard Kämmerlings („Die Welt“, 24.8.) und Volker Weidermann (FAS 25.8.) gelobt worden. Ich habe ihn noch nicht gelesen.

Michael Ebert und Sven Michaelsen haben Kehlmann im SZ-Magazin (30.8.) interviewt.

SZ: Warum lesen Männer spätestens ab fünfzig statt Romanen lieber Sachbücher und Biografien?

Kehlmann: Die romantisch-schwärmerische Seite in einem wird schwächer, während das Interesse an der Welt selbst wächst. Man möchte die Dinge verstehen lernen, statt sich auf erfundene Geschichten einzulassen. Grundsätzlich finde ich das nicht schlimm. Obwohl ich noch nicht mal vierzig bin, wächst auch bei mir das Interesse an guten Sachbüchern.

SZ: In Ihrem neuen Roman F wird einer der Helden von einem Jugendlichen zusammengetreten und mit einem Butterflymesser aufgeschlitzt. Sterbend schleppt er sich in seine Wohnung und verwest dort. Empfinden Sie Lust, wenn Sie ihre Figuren niedermetzeln?

Kehlmann: Im Gegenteil. Der Tod dieser Figur hat mich mitgenommen. Ich wollte ja gerade die Plötzlichkeit und Sinnlosigkeit ausdrücken, mit der das Verhängnis kommen kann. Georg Büchner hätte achtzig Jahre alt werden und die deutsche Literatur für immer verändern können. Es gibt keine innere Logik darin, dass er mit 23 gestorben ist – und das gilt für alle Menschen.

SZ: Ist beim Schreiben Ihr Computer an?

Kehlmann: Man kann gar nicht offline genug sein beim Schreiben. Sonst klickt man bei der ersten Schwierigkeit auf „News“ und guckt, was in der Welt passiert. Aus diesem Grund schreibe ich seit ein paar Jahren wieder mit der Hand. Jonathan Franzen ließ sogar seinen Arbeitslaptop von einem Techniker so manipulieren, dass man damit überhaupt nicht mehr ins Internet kommt.

SZ: Sie haben mit 16 in Ihrer Freizeit Schopenhauer gelesen. Halten Sie das für normal?

Kehlmann: Mit 16 kann man durchaus Schopenhauer lesen, das ist nicht so selten. Vielleicht hat es mir geschadet, aber es war ein lebensveränderndes Erlebnis. Deswegen habe ich später Philosophie studiert. Schopenhauer ist der literarischste unter den großen Philosophen. Philosophieprofessoren hören so eine Überlegung nicht gern, aber ich habe heute noch Momente, wo ich mich frage, ob es sein kann, dass Schopenhauer in allem Recht hat. Für ihn ist die Welt, wie wir sie wahrnehmen, Einbildung und Illusion, ein großer Traum. Mein neuer Roman hat auch viel mit Schopenhauers Aufsatz über die anscheinende Absichtlichkeit im Leben des Einzelnen zu tun. Schopenhauer stellt da die Frage, ob wir unser Leben komponieren, oder ob es uns nur passiert. Er kommt zu der Antwort, in unserem Leben sei es wie in unseren Träumen. Dort passieren uns angstmachende Dinge, die wir absolut nicht erleben wollen. Und doch kommt alles, was uns im Traum zustößt, letztlich von uns selber, denn wir träumen es ja, es kommt aus uns, wir erfinden es. So, sagt er, sei es auch im Leben. Alles, was uns zustößt, habe innere Logik, bestimmt, nicht von Gott, sondern von uns selbst. Die Frage, ob das stimmt, hat mich seit meiner Jugend nie mehr losgelassen.

SZ: Wie viele Windeln haben Sie in Ihrem Leben gewechselt?

Kehlmann: Bei Botho Strauß heißt es in einem Theaterstück, dass ein Kind ungefähr neuntausend Windeln verbraucht. Stimmt die Zahl, habe ich etwa dreieinhalbtausend gewechselt, und meine Frau liegt mit etwa viereinhalbtausend leicht vorn.

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