2014 gibt es einen neuen Film von Roman Polanski (Thomas E. Schmidt „Die Zeit“, 14.8.13; Susan Vahabzadeh SZ, 17./18.8.13). Er handelt von Alfred Dreyfus, dem französischen Artilleriehauptmann, der 1894 wegen angeblichen Landesverrats angeklagt, entehrt, aus der Gesellschaft ausgeschlossen und der nach einem Frankreich tief erschütternden Skandal rehabilitiert wurde. Emile Zola hatte sein beispielgebendes „J’accuse“ gesprochen. Die Geburtsstunde der Intellektuellen in Europa.
„Man wird die Geschichte auf das Leben des Regisseurs beziehen. Sie wirkt zwangsläufig als Spiegel von Polanskis eigenen Erfahrungen mit Anklage und Entehrung.“ Der 1933 in Paris als Rajmund Roman Thierry Liebling geborene Polanski wurde zweimal in seinem Leben „heimgesucht“. Einmal als jüdisches Kind von den Nationalsozialisten in Polen, das zweite Mal in Kalifornien, als die Charles Manson-Mörderbande Polanskis schwangere Frau Sharon Tate niedermetzelte. Die dritte „Heimsuchung“ traf Polanski, als er 1977 die damals 13-jährige Samantha Geimer vergewaltigte. Polanskis Hang zu jungen Frauen kam auch durch die Rollen der fragilen Schauspielerinnen Catherine Deneuve, Mia Farrow, Sharon Tate und Nastassja Kinski in seinen Filmen zum Ausdruck. Polanski beruft sich auf die Lebensgier des Shoah-Kindes, die Gier nach Sex, Drogen, Ruhm und darauf, dass er zum verführten Verführer geworden sei. Seine Flucht aus den USA nach Frankreich gab dem Ganzen den unvermeidbaren Kitzel. Und die Fußfessel in der Schweiz.
Darüber sollten wir nicht den großen Regisseur Polanski vergessen, der mit Filmen wie „Das Messer im Wasser“, „Wenn Katelbach kommt“, „Rosemary’s Baby“ und „Chinatown“ unvergessliche Kunst gemacht hat. In Hollywood nie richtig angekommen hat Polanski auch dort Erfolg gehabt. Er schreibt an den Drehbüchern mit. Da gibt es hin und wieder Verweise auf Beckett und Kafka.
Ein erkennbares Muster gibt es in Polanskis Filmen nicht. Auf Thriller folgten historische Stoffe, Entertainment, Tragödien. Einen roten Faden finden wir nicht. „Polanski ist keiner Ideologie, keiner Gesellschaftskritik, keiner Generalthese verpflichtet, nicht der Psychoanalyse und auch nicht der Metaphysik. Selbst das Böse, das als Realität auf beinahe tiefkatholische Weise in die Normalität hineinragt, folgt keinem Heilsplan.“ Polanskis Welten sind weder theologisch noch moralisch organisiert. Er hat sich nie auf ein Genre verpflichtet.
„Selbstverständlich ist Spielbergs ‚Schindlers Liste‘ als Holocaust-Stoff aufrüttelnder als ‚Der Pianist‘, und für die radikalste Darstellung der sexuellen Befreiung gewinnt Bertoluccis ‚Letzter Tango in Paris‘ den Preis. ‚Der Ghostwriter‘ ist großartig, aber für das politisch paranoide Kino stehen immer noch Namen wie Sam Peckinpah, Sidney Pollack oder Alan J. Pakula. Bei Roman Polanski sind die Genres Mittel, nicht Zweck.“
Roman Polanski ist ein großer Stilist. Stoff und Genre müssen sich dem unterordnen. Auf die solide Ausbildung an der Filmhochschule in Lodz ist der Regisseur heute noch stolz. „Über die Virtuosen der französischen Nouvelle Vague, Godard, Truffaut oder Rivette, hat er sich immer verächtlich geäußert. Ihre Imperfektion, ihre Neigung zur Improvisation waren ihm ein Gräuel. Kaum ein Regisseur organisiert die filmische Wahrnehmung so präzise, so suggestiv wie er.“
Wir dürfen uns vom Bild Polanskis als Unterhaltungsprofi nicht täuschen lassen. Als Künstler ist er sehr streng. Auch wenn sich Leben und Film bei ihm so schlicht aufeinander beziehen lassen. Für seine Provokationen wird Polanski heute noch gehasst. Als Achtzigjähriger. Sein rabenschwarzer Sinn für Humor überfordert manche Zuschauer. Vielleicht auch den Regisseur selbst. Seine „Filme wussten es manchmal besser als ihr Schöpfer.“