Die viel gelobte Rede des Bundespräsidenten in Ankara wird von Necla Kelek (FAZ 22.10.10) kritisiert. Wulff habe dort den Eindruck gemacht, als habe er „Furcht vor falschen Worten“ gehabt und sei beeindruckt von der Größe des Grabmals Kemal Atatürks gewesen. Mit dem militärischen Aufmarsch habe der Bundespräsident den Vorwand geboten, „dass erstmals eine verschleierte Präsidentengattin auftreten konnte“. Die von Wulff erwähnten deutschen Militärs zur Kaiserzeit hätten einen logistischen Beitrag dazu geleistet, dass die Jungtürken den Genozid an den armenischen Osmanen organisieren konnten. Anerkannt habe der Bundespräsident, dass die Türkei 1933 tausend von den Nazis mit Berufsverbot belegte Mitglieder der Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler Arbeit geboten habe. „Unerwähnt ließ er, dass dies ab 1940 in der Zeit der größten Not nicht mehr für Juden, sondern nur noch für jene galt, die einen Ariernachweis vorweisen konnten.“
Mit dem Ansprechen der Probleme und Erfolge beim Thema „Türken in Deutschland“ habe Wulff eine solche argumentative Gemengelage fabriziert, dass damit mehr verschleiert als benannt werde. „Wer Sozialbetrug als ‚Verharren in Staatshilfe‘ verniedlicht, der kann nicht ernsthaft davon ausgehen, dass die Aufforderung, dass sich Migranten an die geltenden Regeln halten müssen, durchgesetzt werden könnte.“
Besonders von anderen Kommentatoren weicht Kelek dort ab, wo sie nach Wulffs These zum Islam in Deutschland gerade die ansonsten viel gelobte Aussage Wulffs bemängelt, das Christentum gehöre zweifelsfrei zur Türkei. „Als seien dies zwei Seiten derselben Medaille. Einmal davon abgesehen, dass die Muslime in Deutschland keine ‚Minderheit‘ sind, sondern Teil dieser Gesellschaft und mit fast 3000 Gebetsstätten und ebenso vielen Vorbetern religiös so gut versorgt wie die Christen. Die Christen in der Türkei aber sind immer noch eine unterdrückte Minderheit, die im Osten des Landes sich hinter hohen Mauern verstecken muss und deren Kirchen oft nur als Mussen zugänglich sind. Und wie alle Nicht-Sunniten sind sie Diskriminierungen ausgesetzt. Diese Gleichsetzung ist verstörend und falsch.“
Manchen von uns mag diese Kritik als zu hart und beckmesserisch erscheinen. Mir gefällt daran, dass Kelek die ständige Gleichmacherei und Beschönigung nicht mitmacht.