Wer die militärischen Interventionen des Westens unter der Führung der USA in Irak und Afghanistan als politische Misserfolge betrachtet, wofür sehr vieles spricht, der ist vielleicht ratlos angesichts des Desasters in Syrien. Dem Land hilft das nicht. Ihm droht die „Somalisierung“, das Verharren als rechtsfreie Zone, die von Waffen, mafiösen Kartellen, staatsnahen Todesschwadronen und religiösen Extremisten beherrscht wird. Der Kölner Schriftsteller Navid Kermani, der auch Orientalist ist, beklagt die dort nicht zuletzt durch das Nicht-Eingreifen des Westens entstandene Lage (SZ 28.6.13).
„Es ist zum Verrücktwerden: Unter maßgeblicher Beteiligung ausländischer Staaten eskaliert ein Konflikt, der nicht nur ein Land, eine selten vielgestaltige Gesellschaft, Prachtstätten uralter Zivilisation, sondern die gesamte, strategisch hochbedeutsame Region noch Jahre und Jahrzehnte mit Gewalt, Terrorismus, Massenflucht, Rechtlosigkeit und ethnischen oder religiösen Säuberungen überziehen könnte – und die stets heiß laufende Gesprächsmaschine unseres literarischen Lebens widmet der Katastrophe nicht einmal eine Podiumsdiskussion.“
Kermani macht darauf aufmerksam, dass Syrien in unmittelbarer Nachbarschaft Europas liegt. Israel ist direkt betroffen. Die umliegenden arabischen Staaten labil. Das Regime hat in letzter Zeit militärische Erfolge errungen. Die Rebellen sind schwach und zersplittert. „Zugleich sinkt mit ihrer Radikalisierung und gleichzeitigen Zersplitterung die Bereitschaft, ja überhaupt die Befähigung der Rebellen zu einem Kompromiss, einer letztlich notwenigen Verständigung mit Vertretern des Staates.“ Die Bevölkerung bezahlt für ihren Freiheitsdrang mit der Verwüstung ihrer Städte.
Was tun? „Unter allen falschen Optionen ist das Nichtstun, für das sich die Deutschen wieder entschieden haben, beinah die gefährlichste. Denn Nichtstun bedeutet, andere tun zu lassen. Während Russland, Iran und die Hisbollah die Diktatur am Leben halten, befeuern Saudi-Arabien und Katar nach allen Kräften den Konfessionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten.“
Nach Kermanis Meinung wird im Nahen Osten der alte Ost-West-Konflikt als Schisma zwischen Schia und Sunna neu inszeniert. „Das neben Russland ausgerechnet die iranische Theokratie als die Schutzmacht des laizistischen Assad-Regimes auftritt, während Amerika in Syrien, aber auch in Ägypten und anderen Ländern des arabischen Frühlings auf islamistische Kräfte setzt, unterstreicht die Austauschbarkeit der ideologischen Motive.“
„Unter allen Städten des Orients waren Damaskus und Aleppo vielleicht die leuchtendsten, jeden Besucher verzaubernden Beispiele für die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Ethnien, Sprachen und Religionen.“