Bernd M. Beyer ist Cheflektor des Göttinger Werkstatt-Verlags gewesen, in dem relevante Sport-Bücher erscheinen. Einige hat er selbst geschrieben. So über den jüdischen Fußball-Pionier Walter Bensemann. Nun legt er eine über 500 starke Biografie Helmut Schöns vor, die dem heute fast Vergessenen gerecht wird.
Der feinsinnige Opern- und Theaterliebhaber Helmut Schön passt nicht so recht ins Bild der Fußball-Fans. Tatsächlich war der „Gentleman“ Helmut Schön aber ein Erfolgstrainer: Vizeweltmeister 1966, WM-Dritter 1970, Europameister 1972, Weltmeister 1974, Vize-Europameister 1976. In diesem Jahr 1976 hat es nur zur Vizemeisterschaft gereicht, weil Uli Hoeneß in Belgrad seinen Elfer in die Wolken jagte.
Helmut Schön wurde 1915 als Sohn eines Dresdener Kunsthändlers geboren. Früh kam er zum Fußball. Sein sportlicher Ziehvater war der Schotte Jimmy Hogan. Mit dem Dresdener SC wurde Helmut Schön zweimal deutscher Fußballmeister. Der hochgewachsene und technisch sehr beschlagene Stürmer erzielte für die deutsche Nationalmannschaft in 16 Länderspielen 17 Tore. Ein verletzungsanfälliges Knie beendete seine Karriere. In seiner sächsischen Heimat sagte man über den filigranen Fußballer Schön: „E dirregder Lewe is‘ er nich.“
Helmut Schön begann seine Karriere in der Nazi-Diktatur, seinen Weg als Trainer startete er in der DDR-Diktatur. Dem intelligenten Mann gelang es immer wieder, den Propaganda-Anforderungen der beiden Systeme aus dem Weg zu gehen. Er wurde DDR-Nationaltrainer, aber schließlich wegen „undemokratischen Verhaltens“ gefeuert, weil er während eines Trainerlehrgangs in Köln mit Sepp Herberger Kontakt aufgenommen hatte. Bevor er verhaftet wurde, floh er in die alte Bundesrepublik.
Als Trainer des seinerzeit noch autonomen Saarlands feierte er Erfolge. Sepp Herberger machte ihn 1956 zu seinem Assistenten, 1964 übernahm er das Amt des Cheftrainers der deutschen Fußballnationalmannschaft. Er änderte den Führungsstil und ließ Mitsprache der Spieler zu. Ihm kam es gelegen, dass zu seiner Zeit Spiel gestaltende Fußballer wie Wolfgang Overath, Günter Netzer, vor allem aber Franz Beckenbauer aktiv waren. Auch mit Uwe Seeler verband ihn ein enges Vertrauensverhältnis.
1972 feierte die Nationalmannschaft mit den jungen Hüpfern Uli Hoeneß und Paul Breitner den legendären 3:1-Sieg in Wembley. Das nannte „L’Equipe“ den „Fußball aus dem Jahr 2 000“. Dieses Spiel konkurriert mit dem sagenhaften 7:1 gegen Brasilien bei der WM 2014 um Platz eins in der ewigen Hitparade der brillantesten Länderspiele.
Bernd M. Beyer zeichnet in seinem Buch über Helmut Schön sechzig Jahre deutschen Fußballs nach. Von den Balltretern der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts bis zum Business-Spektakel von heute. Wir lernen viel über die deutsche Geschichte und unterschiedliche Gesellschaftsformen. Ein kluges Buch (Ludger Schulze, SZ 4./5.11.17).