Die massiven Proteste gegen die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 haben die politische Führung Brasiliens anscheinend überrascht. Das ist verwunderlich, wenn wir uns die gesellschaftlichen Verhältnisse im Lande anschauen, die nicht zuletzt von Korruption bestimmt werden. Thomas Kistner hat den führenden Sportreporter Brasiliens, Juca Kfouri, 63, interviewt (SZ 20.6.13).
SZ: Herr Kfouri, Ihre Landsleute gehen jetzt schon auf die Straße, dabei ist es ja noch eine Weile hin bis zur WM 2014 und den Sommerspielen 2016 in Rio …
Kfouri: Wie kann man Olympische Spiele in ein Land vergeben, das nicht mal Schul-Sportunterricht hat? Was rechtfertigt Olympische Spiele hier? Erst einmal müsste Brasilien eine Sportpolitik betreiben, dann müssten wir all die 30 Sportarten pflegen, die es bei Olympia gibt. Wir müssten sie unsere Kinder lehren und in Vereinen üben. Erst danach sollte man sich bewerben – und am Ende gerne die Spiele veranstalten. Aber bei uns lief es andersherum ab. Deshalb wird sportlich nichts von den Spielen bleiben.
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SZ: Wird der Protest Veränderungen bewirken?
Kfouri: Ja.. Die politische Klasse ist jetzt sehr, sehr verängstigt. Die Menschen in Rio, Brasilia und Sao Paulo marschieren ja nicht irgendwohin, sondern zu den zentralen politischen Gebäuden. Dieses Zeichen ist überdeutlich. Wir haben ein Problem mit unseren Abgeordneten, wir brauchen ein neues politisches System.
SZ: Könnte es auch das Ende der Regierung Dilma Roussef sein, und der Ära ihres Vorgängers, des Charismatikers Lula?
Kfouri: Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Dilmas Umfragewerte sind im Sinkflug.
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SZ: Was denken die Brasilianer über die Fifa?
Kfouri: Dasselbe, das sie vom nationalen Fußballverband CBF denken: Das ist eine Bande von Dieben, die nicht den geringsten Respekt hat. Bei den Protesten in Sao Paulo sangen die Leute: „Senkt die Tarife, schickt die Rechnung der Fifa. Meine WM besteht aus Gesundheit und Erziehung.“
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SZ: Sie waren eng mit Pele befreundet. Er wollte, dass Sie seine Biografie schreiben.
Kfouri: Ja. Aber ich habe mich von Pele so wie von Lula distanziert. Pele war der beste Spieler der Welt, aber ich denke, er ist kein sehr guter Bürger. Er sagt das eine und macht das andere. Seine offizielle Erklärung dafür, dass er wieder mit Teixeira und dessen Schwiegervater Joao Havelange zusammenging, war, dass er es für die Zukunft des nationalen Fußballs tue.
SZ: Und der inoffizielle Grund?
Kfouri: Die „Pele Sports Marketing“ bekam neue Geschäftsfelder im Fußball eröffnet.
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