432: Wortexperimentator, Provinzler, Republikaner, Fantast: Jean Paul wird 250.

Die Wörter „Doppelgänger“ und „Schmutzfink“ stammen von ihm. Zeitweilig war er der Schwarm von adeligen und anderen Damen in Deutschland (Charlotte von Kalb, Juliane von Krüdener, Amöne Herold, Caroline von Feuchtersleben). An seinem Grab sprach Ludwig Börne („Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichendes Volk ihm nachkomme.“) Dabei war Johann Paul Friedrich Richter 1763 in einfachsten Verhältnissen geboren. Als er 1825 in Bayreuth starb nannte er sich schon lange aus Begeisterung für die französische Revolution Jean Paul. Er war einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Zeit und einer der ersten, die ganz von der Schriftstellerei lebten. Ein Bestseller-Autor („Die unsichtbare Loge“, „Hesperus oder 45 Hundposttage“, „Wutz“, „Flegeljahre“, „Titan“, Siebenkäs“). Harro Zimmermann (Literarische Welt 16.3.), Walter Kappacher (SZ 21.3.), Jens Jessen und Brigitte Kronauer („Zeit“-Literatur März 2013) und Jens Malte Fischer (SZ 13.6.) haben sehr kundig über ihn geschrieben und gesprochen.

Zum 250 Geburtstag sind zwei lesenswerte Biografien erschienen:

Helmut Pfotenhauer: Jean Paul. Das Leben als Schreiben. München (Hanser) 2013, 508 Seiten, 27,90 Euro und

Beatrix Langner: Jean Paul. Meister der zweiten Welt. München (C:H. Beck), 608 Seiten, 27,95 Euro.

Einige von uns kennen den Franken als Dichter des überströmenden Gefühls und der zärtlichen Liebe. Daher wahrscheinlich sein Erfolg bei Frauen. Meisterhaft schilderte er auch „Käuze“ wie jenen Firmian Stanislaus Siebenkäs. Jean Paul errichtete uns Fantasie-, Trance- und Traumwelten und schuf dabei ein ganzes „Wortexperimentalwerk“. Nach dem Gymnasium in Hof und einem nie ernsthaft betriebene Theologiestudium in Leipzig arbeitet Jean Paul zunächst als Hofmeister (Hauslehrer). Seinen Glauben hatte er bald verloren („Nicht die Bibel, sondern der rechte Blick ins All tröstet und kräftigt.“).

Von Goethe und Schiller wurde er nicht gelobt, weshalb er ihnen „eisige Mienen“ und „eingeäscherte Herzen“ bescheinigte. Goethes bekannte „Kälte“ kommentierte er mit dem Satz: „Goethe fürchtet sich vor jeder fremden Wärme, weil sein Eispalast schmelzen könnte.“ 1801 heiratete Jean Paul Karoline Meyer, mit der er eine unglückliche Ehe führte, und blieb danach in Bayreuth. Ein Provinzler, der nicht viel reiste. Er lobte das Bayreuther Bier. Ohnehin benötigte er am „Marterholz des Schreibtischs“ Anregungsmittel wie Likör, Wein, Kaffee, insbesondere aber Bier. Am liebsten schrieb er vormittags in seinem Gasthof, der „Rollwenzelei“.

Jean Paul schrieb sehr viel. Er lebte ohne Bibliothek und kann nicht als gebildeter Intellektueller gelten. Sein Blick fiel nicht nur auf die Welt, sondern wandte sich auch nach innen. Manchmal wie in einem Selbstgespräch. Man könne eigentlich nur das recht beschreiben, das man nicht gesehen habe, meinte er. Jean Paul entwickelte schon den inneren Monolog, den manche erst bei James Joyce finden. Unser Dichter liebte Lawrence Sterne, Jonathan Swift, Cervantes. Brigitte Kronauer kennt keinen Schriftsteller, der so treffend die Not geschildert hat. Mit Hunger, Demütigung, Flucht vor Gläubigern. Eiskalte Todesschauer ziehen durch seine Literatur . Sie ist voll sprachlichen Reichtums, ja Überflusses. Der Schreiber voll Problembewusstsein und Ironie. „Manchmal verspottete er seine Sätze selbst“ (Walter Kappacher). Das konnten nicht alle verstehen. Aber er wurde von Komponisten wie Robert Schumann, Anton Bruckner, Gustav Mahler und Wolfgang Rihm verehrt. Herder, Wieland und LIchtenberg schätzten ihn. Und Arno Schmidt, der viel aus seinem Werk vorlas.

Von des Dichters Sympathie für die französische Revolution war schon die Rede. Bei ihm gibt es anders als zu der Zeit keinerlei Antisemitismus. Der Republikaner steht auf Seiten der Aufklärung. Wolfgang Harich, der in den Machtkämpfen der frühen DDR beschädigte Philosoph, wollte gar einen „Jakobiner“ aus ihm machen. Bei Ludwig Börne holt Jean Paul das weinende Kind im Menschen und tröstet es und sagt: „Ja, das kenn ich alles auch.“ Wenn wir die Schriftsteller einteilen in die Raisonneure (wie Wilhelm Raabe), die Causeure (wie Theodor Fontane), die Finder (wie Thomas Mann) und die Klärer (wie Robert Musil), dann gehört Jean Paul zu den Raisonneuren (und steht Raabe nahe). Er selbst betrachtet sein Leben als in vier Hinsichten wichtig, als das Leben der Freude, des tugendhaften Handelns, des Lesens und des Schreibens.

Im Grunde passte Jean Paul gut zu einem Zeitgeist, welcher die eigene Umgebung wieder schätzt ohne Heimattümelei. Zu einem Geist, der sich mit der Natur ohne Verklärung auseinandersetzt, sie aber ernst und wichtig nimmt. Zu einem Geist des Abbaus von zu hoher Geschwindigkeit und lächerlicher Hektik. Aber ich will Jean Paul nicht zwangsweise „modernisieren“.

Lassen wir ihn am Ende selber sprechen, wie Jens Malte Fischer den Anfang des „Titan“ für uns ausgesucht hat, wo dem Helden Albano bei Sonnenaufgang auf der Isola Bella im Lago Maggiore die Augenbinde weggerissen wird: „Welch eine Welt! Die Alpen standen wie verbrüderte Riesen der Vorwelt fern in der Vergangenheit verbunden beisammen und hielten hoch der Sonne die glänzenden Schilde der Eisberge entgegen – die Riesen trugen blaue Gürtel aus Wäldern – und zu ihren Füßen lagen Hügel und Weinberge – und zwischen den Gewölben aus Reben spielten die Morgenwinde mit Kaskaden wie mit wassertaftnen Bändern – und an den Bändern hing der überfüllte Wasserspiegel des Sees von den Bergen nieder, und sie flatterten in den Spiegel … und auf allen Höhen brannten Lärmfeuer der gewaltigen Natur und in allen Tiefen ihr Widerschein – ein schöpferisches Erdbeben schlug wie ein Herz unter der Erde und trieb Gebirge und Meere hervor.“

Nicht Jedermanns Sache? Dann wäre es ja keine Literatur.

 

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.