Die Situation in der Türkei ist symptomatisch für Übergangsgesellschaften. Der alte Kemalismus (Atatürk) ist erstarrt und korrupt, er wird vom Islamismus bedrängt und teilweise abgelöst. Erdogans AKP ist davon eine moderate Form. Nun tritt gegen die Korruption, die Misswirtschaft und die Herrschaft der Bauunternehmen in Istanbul erstmals die türkische Zivilgesellschaft auf den Plan. Es gibt sie in den Städten und unter den Gebildeten und gut Ausgebildeten. Ihre Organisatorin, die Mathematikprofessorin Betül Tanbay, wurde von Michael Martens (FAS 9.6.13) interviewt:
FAS: Gemeinsam mit dem Architekten Korhan Gümüs haben Sie die Bürgerinitiative „Taksim-Plattform“ gegründet, aus der eine in der ganzen Welt beachtete Protestbewegung hervorgegangen ist. Was stand am Anfang?
Tanbay: Ich bin gebürtige Istanbulerin, und meine Stadt ist mir nicht gleichgültig. Es ist eine der ältesten Städte der Welt. Uns geht es um die Frage, was durch all diese verrückten Großbauprojekte, die uns auferlegt werden, mit dieser 2.000 Jahre alten Stadt geschieht. Diese Projekte haben Istanbul bereits in beunruhigender Weise verändert. Zum Glück wird aber immer mehr Menschen bewusst, dass wir unsere Stimme erheben müssen. Wir, das sind nicht nur die Bürger Istanbuls und der Türkei, sondern der Welt.
…
Kommentar W.S.: Ich sympathisiere natürlich mit der türkischen Zivilgesellschaft. Wir sollten aber nicht unerfüllbare Hoffnungen in sie setzen (wie etwa in den „arabischen Frühling“). Erdogan hat noch das Militär auf seiner Seite. Und vergessen wir nicht, die Anhänger der Zivilgesellschaft wünschen sich das Zusammengehen mit Europa, den Beitritt zur EU.