Chaim Noll („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 4.9.2010) kritisiert den Zentralrat der Juden in Deutschland für seine Kritik an Thilo Sarrazin. Darin komme die „Unbildung deutsch-jüdischer Funktionäre“ zum Ausdruck, „denen offenbar das elementare Grundwissen über das Judentum abhanden gekommen ist“. Es geht um die These, dass Juden im Vergleich mit anderen Menschen untereinander mehr genetische Gemeinsamkeiten aufweisen. Der Zentralrat kenne offenbar die Halacha nicht, das jüdische Religionsgesetz. Es besage nämlich, dass Jude sei, wer von einer jüdischen Mutter abstamme. Die daneben bestehende Definition gehe von der Konversion und der Übernahme der jüdischen Religion aus. In Israel finde der Zentralrat wenig Verständnis. „Ein Tabu, jüdische Identität mit Genetik in Zusammenhang zu bringen, besteht hierzulande nicht.“ Die aktuellen Thesen von Doron M. Behar und Harry Ostrer seien auch in Israel umstritten, würden dort aber offen und ohne Hysterie diskutiert.
Henryk M.Broder („Die Welt“, 4.9.2010) sieht in der so weit in allen Parteien und politischen Gruppen verbreiteten Kritik einen „Ausbruch einer kollektiven Hysterie“. Sogar die Bundeskanzlerin maße sich ein „literarisches Urteil“ an, als gehöre es zu ihrem Amt, Bücher danach zu beurteilen, ob sie bei der Durchsetzung der Regierungspolitik hilfreich wären oder nicht. Die Verurteilung Sarrazins erscheine wie von einer Reichsschrifttumskammer verordnet. Es urteilten die „Linienrichter“ der „‚political correctness'“. Das Urteil stehe von vornherein fest. Dabei lebe doch die Demokratie auch von falschen Meinungen.
„Diejenigen, die über Sarrazin herfallen, tun es nicht, weil er mit seinen Thesen danebenliegt, sondern weil er im Prinzip recht hat.“ Damit sollten die eigenen Zweifel unterdrückt werden. Besonders scharf kritisiert Broder, und hier ist ihm dezidiert zuzustimmen, die Vorverurteilung Sarrazins durch den Bundespräsidenten im Fernsehen. „Als ob es nicht genug wäre, dass die Kanzlerin ein Buch als ‚wenig hilfreich‘ disqualifiziert, deutet der von ihr protegierte Bundespräsident an, was mit dem Autor des Buches passieren sollte, indem er durch die Blume der Bundesbank empfiehlt, sich von ihm zu trennen.“ Das beabsichtigt sie ja nun auch. Oder?
Es ist gewiss kein Zufall, dass gerade in der „Literarischen Welt“ (4.9.2010) Ralph Giordanos (etwas schlichte) Verteidigung Sarrazins erscheint. Denn in dieser Literaturbeilage kommen jüdische Themen, Positionen und Autoren sehr häufig vor. Für Giordano ist Sarrazins Buch ein „Stoß mitten ins Herz der bundesdeutschen Political Correctness, ein Frontalangriff auf Deutschlands Multikulturalisten, xenophile Einäugige und Pauschalumarmer“. Dabei hätten die Meinungen der politischen Klasse und die öffentliche Meinung selten so weit auseinander gelegen. „Ich lese Thilo Sarrazins ‚Deutschland schafft sich ab‘ wie eine Enzyklopädie des Migrations-Integrations-Komplexes in seiner deutschen und europäischen Dimension, wie ein Lehrbuch, das der dritten und vierten Generation von Zugewanderten Hemmnisse aus dem Weg räumen könnte.“
Giordano sieht in Sarrazins Buch einen Zusammenstoß zweier Kulturkreise, des judäo-christlichen und des muslimischen. Während der erste in den vergangenen fünfhundert Jahren mit Renaissance, Aufklärung, bürgerlichen Revolutionen und ihrer Fortentschreibung einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht habe, stagniere der zweite in dieser Zeit „nach kulturellen Höchstleistungen, die Europa nur beschämen konnten“. Es liege im Interesse der türkisch dominierten muslimischen Minderheit in Deutschland, „sich von allen integrationsfeindlichen Kräften zu distanzieren und sie zu überwinden“. „Und da kann man manches von Sarrazin lernen.“
Es wird interessant zu beobachten sein, wie diese drei dezidiert jüdischen Meinungsbekundungen sich im gegenwärtigen Streit um Sarrazin auswirken. Zunächst schien es ja so, als sei Sarrazins Schicksal bereits besiegelt. Nun treten auch andere in den Diskurs ein, die zumindest partiell Verständnis für Sarrazin zeigen oder ihm sogar weithin zustimmen.