420: Martin Luther gehört nicht nur den Protestanten, sondern der Welt.

Heinz Schilling hat 2012 eine Biografie Martin Luthers geschrieben. Er ist emeritierter Professor für die europäische Geschichte der frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität Berlin. Er unterschätzt die geistliche und politische Bedeutung Luthers gewiss nicht. In der „Welt“ (1.6.13) schreibt er:

„Der über die Jahrhunderte im protestantischen Milieu gepflegte Luther-Mythos ist zu dekonstruieren. Auch die sperrigen, dunklen Seiten des Reformators sind zu beleuchten. Die Repräsentanten des Luthertums tun das mit Mut und Entschiedenheit, folgen dabei aber eher dem Aschenbrödel-Prinzip – die guten Seiten des Reformators ins Töpfchen stolzer Identitätsstiftung, die schlechten ins Kröpfchen selbst entlastender Kritik. Das verschleiert die Wucht des historischen Erbes, statt es wirklich zu bewältigen.

Denn es führt kein Weg am ‚ganzen Luther‘ vorbei. Biografisch wie reformations- und wirkungsgeschichtlich lassen sich seine guten, uns heute noch akzeptablen Seiten nicht von seinen dunklen und sperrigen trennen. Die Protestanten müssen sich der bitteren Erkenntnis stellen, dass die Reformation nicht erfolgen konnte ohne den nachgerade fundamentalistischen Absolutheitsanspruch, den Luther wie seine Zeitgenossen für ihre jeweilige Religion erhoben. Auch nicht ohne die daraus resultierende Unfähigkeit des Reformators zu einem wirklichen Dialog mit den Gegnern in Rom, in den eigenen Reihen, den Juden oder Muslimen, von Toleranz im heutigen Sinne ganz zu schweigen. Dass die lutherische Identität aus einer solchen Wurzel erwuchs, wird nur oberflächlich aufgearbeitet, wenn sich die kirchenamtlichen Verlautbarungen zum laufenden Jahr ‚Reformation und Toleranz‘ auf das heute selbstverständliche Bekenntnis zur Toleranz der Zivilgesellschaft beschränken.

Angesichts der realen oder imaginierten Wirkungen der Reformation auf die kirchliche wie die weltliche Entwicklung ist Luther zu wichtig, als dass man ihn den Theologen überlassen dürfte. Wenn es richtig ist, dass die Deutschen sich in Luther stets auch ein Bild von sich selbst machen, dann haben auch die vielen Nichtchristen ein Recht auf wissenschaftlich fundierte Aussagen darüber, wie und in welchen Ausmaß auch ihre Lebenswirklichkeit und kulturelle Identität durch die Ereignisse vor 500 Jahren und deren Weltwirkung mitgeprägt wurden und werden, im Positiven wie im Negativen.“

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