Knut Borchardt ist 84 Jahre alt. Er gilt als Doyen der deutschen Wirtschaftsgeschichte. 1979 hat er anhand der Sparpolitik Heinrich Brünings Ende der Zwanzigerjahre die „Borchardt-Kontroverse“ ausgelöst. Ralph Bollmann hat ihn für die FAS (2.6.13) interviewt.
FAS: Herr Borchardt, seit der Finanzkrise erleben wir in der Weltwirtschaft ständig Überraschungen. Was können wir heute noch aus der Wirtschaftsgeschichte lernen?
Borchardt: Genau dies: Dass eine Zukunft ohne Überraschungen das Überraschendste wäre, was uns passieren kann. Das vergessen Ökonomen, die glauben, alles lasse sich mit mathematischen Modellen erklären. Die Wirtschaftsgeschichte macht auf die Veränderlichkeit von Zuständen aufmerksam. Sie lehrt, dass die Ökonomie in Wechselwirkung mit anderen gesellschaftlichen Phänomenen steht. Man muss die Akteure und deren Handlungsspielräume kennen.
…
FAS: Der Süden Europas versinkt in Arbeitslosigkeit und Depression. Spart Merkel diese Länder kaputt?
Borchardt: Es gibt für die heutige Lage in Südeuropa eine frappierende Parallele in unserer eigenen Geschichte: die wirtschaftliche Krise Deutschlands in der Weimarer Republik. Das deutsche Reich war schon 1929/30 eine Bananenrepublik, es bekam praktisch keinen Kredit mehr. Bis heute wird der damalige Reichskanzler Heinrich Brüning als ein Beispiel für falsche Sparpolitik gehandelt. Aber angesichts der Probleme hatte er kaum andere Möglichkeiten.
…
FAS: Aber während der goldenen Zwanziger, also von 1925 bis 1929, stand Deutschland doch gut da?
Borchardt: Alle hatten diesen Eindruck. Aber das war eine Fehleinschätzung, ähnlich wie während des Booms in Südeuropa: Es war auch damals eine geborgte Konjunktur, die den Politikern einige Jahre lang die Lösung der ernsten Probleme abnahm. Die Produktivität stieg kaum, der private und öffentliche Konsum lag hingegen höher als vor dem Ersten Weltkrieg. Im Ausland hat das Zorn erregt: Die Deutschen behaupteten, sie könnten keine Reparationen zahlen, dabei gaben die öffentlichen Hände mehr aus als die Siegermächte.
…
FAS: Zur Haushaltssanierung gehörten nach Brünings Verständnis nicht nur Einsparungen, sondern auch höhere Steuern?
Borchardt: Selbstverständlich. Seine Regierung führte eine Krisensteuer ein und erhöhte die rasch wirksamen Verbrauchssteuern sowie die Umsatzsteuer. Insgesamt wollte er Bedingungen herstellen, um Wachstum wieder möglich zu machen. Der Ökonom Wilhelm Röpke hat 1931 so formuliert: Man muss erst den Motor in Ordnung bringen, dann kann man Gas geben. Das ist der Weg, den man jetzt auch mit Südeuropa versucht. Ob das am Ende erfolgreich ist, kann niemand voraussagen.
…
FAS: Übertreiben es die Deutschen mit ihrer Inflationsangst?
Borchardt: Das mag sein. Aber ich bekenne angesichts der heutigen Politik der Europäischen Zentralbank: Wenn man mir vor zehn Jahren gesagt hätte, dass eine solch massive Geldschöpfung nicht zu Preissteigerungen führt, dann hätte ich diesen Menschen für verrückt gehalten.
FAS: Wie erklären Sie sich das?
Borchardt: Das kann ich mir nur dadurch erklären, dass das neu geschaffene Geld im Finanzkreislauf verbleibt.
…
FAS: Wie kommt man politisch, anders als 1933, über die Phase der Sparpolitik hinweg?
Borchardt: Das ist die zentrale Frage: Kann die Demokratie in kritischen Situationen parlamentarische Mehrheiten für eine Politik herbeiführen, die ökonomisch notwendig ist? Schauen Sie nach Italien: Jeder weiß, es muss etwas geschehen. Aber keine Partei drängt in die Verantwortung. Ist Demokratie eine Schönwetter-Verfassungsform? Bei hohen Wachstumsraten gibt es kaum große Verteilungskonflikte.
…