410: „Erlkönigs Tochter“, Sarah Kirsch, ist tot.

Sarah Kirsch wurde als Ingrid Bernstein am 16. April 1935 im Südharz geboren (Lothar Müller, SZ 23.5.13). Im Krieg markierte ihr Vater die Truppenbewegungen der Deutschen mit Nadeln auf der Landkarte. In der Nazizeit musste er sich gegen die Vermutung zur Wehr setzen, Bernstein deute auf „Jüdisches“ hin. Seine Tochter las früh Theodor Storm und Adalbert Stifter. Sie landete aber nicht im „Hochwald“, sondern studierte in der DDR Biologie. 1958 lernte sie den Lyriker Rainer Kirsch kennen, mit dem sie zehn Jahre verheiratet war. „Wer Hirtenlieder schreibt und Seelieder, den Himmel sich schuppen lässt und den Wels am Grunde des Sees betrachtet, die Bäume liest und mit einer Schlehe im Mund über’s Feld kommt, der gilt rasch als ‚Naturlyrikerin‘.“ „Der Droste würde ich gern das Wasser reichen“ heißt ein Gedicht aus dem Band „Zaubersprüche“ (1973).

Sarah Kirsch studierte von 1963 bis 1965 am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Dort lernte sie u.a. den „Bitterfelder Weg“ kennen, nach dem DDR-Autoren zu Besuchen in der Arbeitswelt verpflichtet waren. Das hat Kirsch keineswegs abgelehnt. In „Die Pantherfrau“ (1973) lieh die Dichterin Frauen aus der Arbeitswelt ihre Stimme. „Aber all die Katzen, die Sarah Kirsch über das Kopfsteinpflaster schickt, alle Schwalben und Lerchen, Gänse und Kraniche, Milane und Raben, die sie auffliegen lässt, alle Winde, die sie wehen, alle Wurzeln, die sie treiben lässt, gewinnen ihren Zauber aus der Nüchternheit, in die diese Dichterin sie taucht, und auch aus der Beiläufigkeit, mit der sie dabei die klassischen Formen und Versmaße – und schon gar die Verbindung von Reim und Poesie – auflöst und durchackert, bis sie zu einer lockeren Torflandschaft geworden sind.“

Unvermeidlich geriet Sarah Kirsch in die Politik. Nachdem sie 1976 eine Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR unterzeichnet hatte, gelangte sie 1977 nach West-Berlin, später nach Niedersachsen und nach Dithmarschen, wo sie seit 1983 lebte. Sie wurde zur Dichterin der Krisen, der Trennungen und der gescheiterten Lieben. Eine immer glaubwürdige Frau, der ihre Leser tief vertrauten. Noch 2012 hat sie sich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in einem Gedicht mit Pussy Riot solidarisch erklärt. Sarah Kirsch ist am 5. Mai in Heide/Holstein gestorben.

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