Nach meiner Erfahrung ist dann, wenn bildende Künstler sich politisch äußern, Vorsicht geboten. Entweder wissen sie zu wenig, sie wollen nur auffallen oder sie verwenden markante Formeln für ihre Botschaft. Verständlicherweise spielen Neider in der Kunst eine sehr große Rolle. Darunter Künstler, die sich für gleichwertig mit einem gerühmten Künstler halten. Andererseits habe ich beobachtet, dass Trends, die etwa auf der Documenta in Kassel zu sehen waren, sich langfristig durchgesetzt haben, obwohl ihre aktuelle „Erklärung“ durch die Zuständigen bisweilen sehr dürftig ausfiel. Das mag auf den Kunstmarkt zurückzuführen sein.
Nun wird Joseph Beuys in einer Biografie dekonstruiert. Demnach war er keineswegs ökologisch und basisdemokratisch, sondern bis in seine letzten Tage völkisch gesinnt. Hans Peter Riegel hat die Biografie geschrieben. Er wird in der „Literarischen Welt“ (18.5.13) von Christiane Hoffmanns interviewt, die selbst das Buch „Beuys: Bilder eines Lebens“ publiziert hat.
Hoffmanns: Über Beuys‘ Leben zu forschen, heißt, sich auf vermintes Gelände zu begeben. Das geht den meisten Biografen so.
Riegel: Das war mir von Beginn an bewusst. Da sind nicht nur die Beuys-Anhänger, sondern auch die Anthroposophen und nicht zuletzt Eva Beuys, die Witwe des Künstlers, die seit Jahrzehnten hartnäckig versucht, ihre Deutungshoheit zu verteidigen.
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Hoffmanns: Wenn man diese Woche die Geschichte im „Spiegel“ liest, glaubt man, sie hätten es ausschließlich darauf angelegt, Beuys reißerisch zu demontieren. Gerhard Pfennig, Eva Beuys‘ Anwalt, sagte im „Deutschlandfunk“, Sie handelten „unredlich, Beuys‘ Leben während der Zeit des Nationalsozialismus auszugraben“. Assistiert hat ihm Klaus Staeck, Beuys‘ langjähriger Verleger. Dabei ist vieles, das Sie geschrieben haben, schon lange bekannt.
Riegel: Ich war nicht überrascht, dass der „Spiegel“ primär das NS-Thema herausgegriffen hat. Es gibt so viele Aspekte in dieser Biografie, die Zuspitzungen auf einzelne Themen unvermeidbar machen. Beuys war ohne „Skrupel“ in der HJ, das bekannte er selbst. Dass er sich nicht nur freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, sondern sich gleich für zwölf Jahre verpflichtet hat und damit Berufssoldat wurde, war nicht bekannt. Es ist evident, dass damit eine latente Akzeptanz des NS-Regimes sowie von Militarismus im Allgemeinen verbunden gewesen sein musste. Dass sich in seinem direkten Umfeld so viele alte Nazis befanden, war auch nicht bekannt. … Die Biografien seiner Mäzene Karl Ströher und Erich Marx beginnen offiziell erst 1945. Da wird man skeptisch. Schließlich finden sich auch in diesen Fällen tiefbraune Schatten. Letztlich kooperierte Beuys mit ehemaligen Nazis und Rechtsradikalen. Das kann ich vielfach nachweisen. Selbst Staeck räumte in einem Interview ein, dass Beuys „zeitweise auf falsche Leute gesetzt hat“, oder wie er mir sagte, mit einer „ziemlich rechten Truppe“ paktierte.
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Hoffmanns: Nun spricht er (Beuys, W.S.) in dieser (Münchener, W.S.) Rede (1985, W.S.) auch von der Selbstbestimmung des Menschen, davon, dass „jeder Mensch ein Künstler“ sei. Er spricht von „der Überwindung der schrecklichen schwarzen Male“ der deutschen Geschichte. Er hat ein Büro für „direkte Demokratie“ gegründet. Dies alles widerspricht doch ihrer These.
Riegel: Auf den ersten Blick wirken solche Gedanken fortschrittlich. Vieles von dem, was er verkündete, klang nach linker Ideologie. Tatsächlich machte Beuys keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Linken. Der SDS und später die Linken innerhalb der Grünen wussten, dass Beuys nicht gefährlich ist, weil er ein „verrückter“ Künstler ist, sondern weil er eine völkische Gesinnung hat.
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Hoffmanns: Und wie beurteilen Sie eine bahnbrechende Inszenierung wie „Pallazo regale“?
Riegel: Bei „Pallazo regale“ ist es offensichtlich. Die Arbeit behandelt das Ideal des Sonnenstaates, auf das sich (Rudolf, W.S.) Steiner bei der Grundidee seines Gesellschaftsentwurfs, der sogenannten Dreigliederung, berief. Man muss sich immer vor Augen führen: Auch wenn die Werke von Beuys auf den ersten Blick avantgardistisch und demokratisch daherkommen, so ist ihre Botschaft problematisch, weil die Anthroposophie, denkt man ihre verqueren Ideen zu Ende, eine autoritäre und damit letztlich undemokratische Weltanschauung ist. Wenn man es zugespitzt sagen will, sind Beuys‘ Werke anthroposophisch determinierte Kultobjekte. Und damit bekommt das Werk eine andere Qualität.