403: Wie Ungarn verstehen?

Das politische Geschehen in Ungarn besorgt viele von uns. Verletzungen der Menschenrechte, Manipulationen der Verfassung, offener Rassenhass gegen Juden und Roma. Im Herzen Europas bestehen derzeit wenig gute Aussichten. Um dies besser zu verstehen, greifen wir zu einem Artikel des langjährigen ehemaligen Südosteuropa-Experten der „Zeit“, Christian  Schmidt-Häuer (2.5.13). Er nennt Gründe für die gegenwärtige Lage und konzentriert sich dabei auf

den Vertrag von Trianon 1920,

den Numerus clausus für jüdische Studienbewerber 1920,

das Horthy-Regime 1920-1944,

die Zusammenarbeit mit dem faschistischen Deutschland seit 1933,

Adolf Eichmann 1944/45,

die Pfeilkreuzler unter Ferenc Szálasi.

Sein Ausgangspunkt ist, dass in Ungarn die Rechtsextremisten nicht mehr in Schach gehalten werden. „Das Land hat in den sozialen Verwerfungen nach der radikalen Marktöffnung 1989 den Glauben an die emanzipatorische Kraft der Zukunft verloren. Seine Menschen versuchen, verlorene Arbeitsplätze und fehlendes Know-how durch Nationalismus zu ersetzen, ein besseres Los von einer Vergangenheit zu ersehnen, die schon einmal in ein noch größeres Verhängnis führte. Hinter der vom Staat geförderten Maskerade des Patriotismus prägt ein alter, kompensatorischer Rassenhass immer offener das Gesicht des EU-Staates.“

Nach dem Untergang der k.u.k. Doppelmonarchie gab es das Zwischenspiel einer bürgerlichen Regierung und die Räte-Regierung unter dem Kommunisten Béla Kun. Ihr gehörte z.B. auch der Philosoph und Literaturwissenschaftler Georg Lukács („Theorie des Romans“ 1916, „Geschichte und Klassenbewusstsein“ 1923) als Volkskommissar für Bildung an. Lukács hatte auch in Deutschland einen großen Einfluss auf die ästhetischen Debatten. Das Regime dauerte nur 133 Tage. Als Lukács 1956 nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands nach Rumänien transportiert wurde, soll der dezidierte Vertreter des „sozialistischen Realismus“ einer Anekdote zufolge dort ausgerufen haben „Kafka war doch Realist.“.

Das folgende Regime (1920-1944) des „Reichsverwesers“ Miklós Horthy bekämpfte den „Liberalismus“ und (sic!) den „Judeobolschewismus“. Der Antisemit Horthy wurde der Verbündete Adolf Hitlers. Er genießt heute noch ein hohes Ansehen in Ungarn. Dorthin müssen wir schauen, wenn wir die aktuellen Vorgänge verstehen wollen. Auf den „roten Terror“ Béla Kuns folgte der „weiße Terror“ des Horthy-Regimes. Im Wald von Orgovány wurden hunderte Bauern, Kommunisten und Juden ermordet. Daran knüpfte 2011 Viktor Orbans Freund, der Rassist Zsolt Bayer, an, als er anlässlich einer scharfen Kritik an dem berühmten Pianisten

András Schiff

und dem deutsch-französischen Politiker

Daniel Cohn-Bendit

wegen ihrer Kritik an Ungarn resümierte, dass in Orgovány generell zu wenig „Linke“ hingerichtet worden seien. „Leider ist es nicht gelungen, einen jeden bis zum Hals im Wald von Orgovány zu verscharren.“

Im Vertrag von Trianon 1920 verlor Ungarn mehr als zwei Drittel seines Vorkriegsterritoriums und die Hälfte seiner Bevölkerung. Paul Lendvai nannte den Vertrag „die Todesurkunde des tausendjährigen Stephanreiches“. Horthy wollte die „nationale Schmach“ tilgen und die jüdische Mittelklasse, die vor allem in den Städten reüssierte, kleinhalten. Führende Antisemiten waren gleich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die Studenten. Die Universitäten führten 1920 einen Numerus clausus für jüdische Studienbewerber ein. Die Studenten heute knüpfen anscheinend nahtlos hier an. Jeder dritte von ihnen will nach einer Umfrage das nächste Mal die rechtsextremistische Jobbik-Partei wählen.

Fatal wurde für Ungarn die Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland. Als Vorleistung beschloss man drei „Judengesetze“. Durch den deutschen Angriffskrieg konnte das Horthy-Regime zwischen 1938 und 1941 fast die Hälfte der verlorenen Territorien zurückgewinnen. Anfang 1942 ließen ungarische Soldaten 6.000 Serben und 4.000 Juden aus dem annektierten Novi Sad für „Partisanen-Aktivitäten“ büßen. Sie trieben die Gefangenen in ein Schwimmbad an der Donau und erschossen sie auf den Sprungbrettern, von wo aus die Opfer in den Strom fielen. Die mehr als 800.000 Juden in Ungarn blieben bis 1944 von Deportationen verschont. Bis 1944

Adolf Eichmann

kam. Acht deutsche Divisionen besetzten am 19. März 1944 Ungarn, weil das Horthy-Regime den Deutschen zu unsicher geworden war. Manche Ungarn waren willige Handlanger beim Holocaust. Führend dabei der Innenstaatssekretär László Ende. Die furchtbarste Rampe zur Hölle von Auschwitz war der Bahnhof von Kosice (ungarisch Kassa) in der heutigen Ost-Slowakei.

Aus Kosice stammte auch der Führer der faschistischen Pfeilkreuzler, Ferenc Szálasi. Er wurde wie andere Kriegsverbrecher nach 1945 hingerichtet. Als das Horthy-Regime mit der Sowjetunion über einen Frieden verhandelte, stürmte im Unternehmen „Panzerfaust“ SS-Hauptsturmbannführer Otto Skorzeny mit Fallschirmjägern die wichtigsten Regierungsstellen und nahm Horthys Sohn fest. Admiral Horthy wurde auf einem Schloss in Bayern interniert, wo er von den US-Amerikanern befreit wurde. 1957 starb er in Portugal, wo ihm das faschistische Salazar-Regime Asyl gewährt hatte. Gegen Ende des Krieges ermordeten die Pfeilkreuzler in Budapest noch Tausende. „Dazu gehörte, dass sie Kinder, Frauen und Greise mit Handschellen aneinanderketteten und nur auf das erste Opfer schossen, das dann die anderen mit in das eisige Wasser riss.“ „Am Budapester Donaukai unterhalb des Parlaments stehen etwa 70 Paar Schuhe aller Größen. Sie sind aus Bronze und erinnern an die Opfer der Pfeilkreuzler. Vor einiger Zeit  waren sie eines Morgens mit Schweinefüßen gefüllt zum Zeichen der Verachtung.“

Dies alles sollten wir ins Kalkül ziehen, wenn wir Ungarn verstehen wollen.

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