385: Die Analytiker von NS und Kommunismus sind alte 68er.

Anlässlich von Götz Alys wiederaufgelegtem Buch „Die Belasteten“, in dem er die NS-Euthanasie aufarbeitet, reflektiert Gustav Seibt in der SZ (14.3.13), wer eigentlich die wichtigsten Analytiker des Totalitarismus im 20. Jahrhundert in Deutschland sind. Er gelangt zu eindeutigen Ergebnissen.

Ich weiß natürlich, dass es manche unter uns gibt, die endlich einen Schlussstrich ziehen wollen, die von der Vergangenheitsbewältigung genug haben. Das sind meistens die, die sich noch nie mit dem Holocaust oder dem Archipel Gulag ernsthaft auseinandergesetzt haben. Die können wir rechts liegen lassen.

Gleichermaßen weiß ich natürlich, dass die Eltern oder Großeltern von manchen, die besonders genau auf die israelische Annexionspolitik auf der Westbank schauen, Nazis waren. Deshalb ist die Kritik an Israel trotzdem berechtigt. Wie die Aufarbeitung des NS für unsere Kinder und Enkel nach wie vor sehr wichtig ist.

Für Seibt kann „Götz Aly zum Beispiel nachweisen, dass die Überlebenschance behinderter Heiminsassen signifikant mit der Anzahl von Verwandtenbesuchen stieg. Je verlassener von ihren Familien sie waren, desto bedrohter waren diese armen Menschen. Es gab, so hart muss man es sagen, ein stummes, aber wirksames Einverständnis zwischen den Mördern und der gesunden deutschen Gesellschaft.“ „Der Nationalsozialismus war gerade in seinen infernalischen Auswirkungen nicht das ganz Andere des 20. Jahrhunderts. Er ist Fleisch von unserem Fleisch. … Wichtig bleibt die Reflexion darüber, dass es sich immer noch um unseren Kampf handelt.“

Am Beispiel Wolfgang Kraushaars und seiner Forschungen über den „Antizionismus“ der westdeutschen Linken nach 1945 gelangt Seibt zu ebenso klaren Erkenntnissen. Etwa „dass es einen direkten Bezug zwischen dem linksradikalen Antizionismus um 1968 und dem nationalsozialistischen Judenhass der Vätergeneration gibt, kann niemand mehr leugnen. Allerdings ist diese Erkenntnis immer noch so verletzend, dass sie hervorruft, was die Psychoanalyse

‚Widerstand‘

nennt, das Leugnen des Offensichtlichen, weil es narzisstisch so kränkend ist.“

Ein dritter Alt-68er, Gerd Koenen, ist es, der sich größte Verdienste um die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus erworben hat. Gustav Seibt schreibt: „Was Götz Aly für den Nationalsozialismus geleistet hat, das hat für das weitere Feld Kommunismus mit ähnlichem Impuls Gerd Koenen begonnen, indem er ihn als ‚Utopie der Säuberung‘ beschrieb.“

Götz Aly, Wolfgang Kraushaar, Gerd Koenen, drei Alt-68er und Analytiker des Totalitarismus, die heute noch gegen starken Widerstand kämpfen müssen.

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