383: Boris Palmer („Grüne“): „Für die Linke ist alles erlaubt.“

Boris Palmer ist für die „Grünen“ seit 2007 Oberbürgermeister von Tübingen. Dem bei der Bevölkerung beliebten Politiker ist seine Partei zu unduldsam. Ulf Poschardt hat ihn für die „Welt“ (16.3.13) interviewt.

W: Bereuen Sie ihr Eintreten für Schwarz-Grün heute?

P: Das habe ich nicht getan, also gibt es da nichts zu bereuen. Ich sage nur: Wenn die SPD zu wenig Prozente für eine gemeinsame Regierung bringt, dann ist Schwarz-Grün besser für das Land als Schwarz-Rot. Deswegen halten mich heute einige in der Partei für rechts, andere meinen, ich wäre ein Querulant, und wieder andere vermuten in mir einen ewigen Provokateur. Richtig daran ist, dass ich keinen Grund sehe, diese Meinung aufzugeben, nur weil einige Gesinnungsethiker in meiner Partei Pickel bekommen, wenn der Begriff ‚Schwarz-Grün‘ fällt. Ich bin auch bei den Grünen, weil wir eine offene Streitkultur haben. Das sollte so bleiben.

W: In der ‚taz‘ mussten Sie sich rechtfertigen, dass in Tübingen noch ‚Mohrenköpfle‘ verkauft werden. Das wirkte ein wenig so, als mühte sich die Hauptstadt-Intelligenz dem Provinz-Fürsten Mores beizubringen.

P: Volker Beck, den ich eigentlich sehr schätze, hat einmal gepostet, dass die Linie der Partei nicht von irgendwelchen Provinzbürgermeistern bestimmt wird. Da schwang auch eine Geringschätzung der kommunalen Selbstverwaltung mit. Ich finde sie einen besonders wertvollen Teil unserer Verfassung. Wer die sogenannte Provinz verachtet, wird Probleme haben, die Mehrheit der Gesellschaft zu verstehen. Um etwas zum Mohrenköpfle zu sagen: Ich finde den Begriff auch unzeitgemäß. Aber nur weil ein Bäcker drei Tage auf dem Tübinger Marktplatz Mohrenköpfe anbietet, sind wir hier nicht alle Rassisten. Solche überzogenen Attacken bringen nichts, sie bringen allenfalls die Leute gegen ein berechtigtes Anliegen auf. Aber schon dieser Hinweis hat genügt, dass mir nun in der Partei ein Problem mit Rassismus angedichtet wird.

W: Sind Sie allein in der Partei?

P: Das hätten Sie wohl gerne! Nein, aber die Realos sind leise geworden. Auf den Parteitagen führen wir nur noch Abwehrkämpfe. Für die Linke ist alles erlaubt, die Realos trauen sich nichts mehr.

W: Wie wichtig ist Winfried Kretschmann für Leute wie Sie?

P: Sehr wichtig. Er und vielleicht noch Daniel Cohn-Bendit sind die Einzigen, die der Partei noch ungestraft ins Gewissen reden können, zum Beispiel, dass man den Spitzensteuersatz anheben oder eine Vermögensabgabe einführen kann, aber nicht beides zugleich.

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