Zehn Jahre enthemmte Finanzmarktökonomie haben dazu geführt, dass „linke“ Gesellschaftskritik wieder hoffähig geworden ist. Neo-Kommunisten wie Alain Badiou und Slavoj Zizek sehen den Untergang des Kapitalismus kommen. Sie werden sich auch nicht durch gegenläufige Thesen darin beirren lassen. Es wird ja auch langsam Zeit mit dem Untergang des Kapitalismus. Er ist ja schon vor langer Zeit von Marxisten ganz sicher prognostiziert worden. Was sich bisher als Fehlprognose erwiesen hat.
Trifft dann etwa auf der Gegenseite zu, was Francis Fukuyama 1992 mit seiner These vom „Ende der Geschichte“ vorausgesagt hatte? Dass nämlich nach dem Untergang des Totalitarismus nur mehr die liberale Demokratie (Kapitalismus mit politischer Demokratie) als einziges gesellschaftliches Ordnungsmodell übrig bleiben werde. Haben wir nicht Fukuyama von Anfang an verulkt und verlacht? Denn tatsächlich können ja China oder Russland oder Schwellenländer wie Indien oder Brasilien nicht als Muster liberaler Demokratie betrachtet werden. Aus je ganz unterschiedlichen Gründen. Die werden ggf. noch aufzuführen sein. Zunächst einmal möchte ich für diejenigen, die nicht so viel Zeit zu lesen haben, in wenigen Thesen skizzieren, zu welchen Ergebnissen mich mein Nachdenken gebracht hat (meine journalistischen Quellen führe ich am Ende komplett auf):
1. Wir brauchen den Kapitalismus noch. Wegen seiner Produktivität und seiner Flexibilität bei der Lösung von Angebot-Nachfrage-Problemen (in der Versorgung der Weltbevölkerung, heute: ungefähr 7 Milliarden).
2. Wie benötigen Wachstum, das die Märkte am besten gewährleisten. Ohne Wachstum gibt es keine Lösung für den Hunger. Meinen linken Freunden sei gesagt, dass Karl Marx ein Anhänger des Wachstums war und den Kapitalismus für seine Wachstumskräfte sogar bewunderte. Er sah in seiner zentralen These nur voraus, dass die Produktionsverhältnisse (gesellschaftliche Produktion und private Aneignung) einmal die Fessel der Produktivkräfte werden würden. Da hat er sich getäuscht. Andererseits verstehen wir, dass Wachstum durch Rüstung, Kriege und Umweltzerstörung die falsche Politik ist.
3. Es ist für mich nicht leicht zu prognostizieren. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das chinesische Modell der Kopplung von kommunistischer Diktatur und kapitalistischen Märkten auf Dauer funktioniert. Was jetzt zum Ausdruck kommt in hunderten von kleinen Revolten (von Bauern, Wanderarbeitern, Mietern et alii) im Reich der Mitte und seinen Satelliten, wird letztlich (vielleicht sehr spät) angesichts wachsenden Wohlstands vieler und steigender Bildung zu politischen Verbesserungen im Sinn der Menschenrechte führen.
4. Voraussetzung für eine Verbesserung des Weltkapitalismus ist die Beherrschung des digitalen Informationskapitalismus. Dieser Hochgeschwindigkeitskapitalismus, bei dem die Haltedauer von Aktien im Durchschnitt 22 Sekunden beträgt im Gegensatz zu vor einiger Zeit, als die Haltedauer im Durchschnitt noch 4 Jahre betrug, wird weithin von Großrechnern (nach der Spieltheorie) gesteuert. Ohne menschliches Zutun. Und ohne auf den Sinn bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen zu achten. Es geht nur um den Profit der Anteilseigner. Nicht um den wirtschaftlichen Nutzen für die Menschen. So wird dann auf den Rohstoffmärkten und auf anderen Märkten systematisch gegen das Allgemeinwohl spekuliert. Das darf so nicht weitergehen.
Frank Schirrmacher schreibt: „Umgeben von einer Welt, in der Informationen nicht nur an Börsen, sondern am Arbeitsplatz, in der Kommunikation und sogar bei Freundschaften von logisch arbeitenden Rechenmaschinen organisiert werden, die nach den Gesetzen der persönlichen Profitmaximierung den menschlichen Charakter kalkulieren, verändern sich gesellschaftliche Wertvorstellungen in staunenswerter Geschwindigkeit.“
Dass in den wirtschaftswissenschaftlichen Modellen der homo oeconomicus regiert, ist nicht neu. Sein Egoismus auch nicht. Neu ist seine Steuerung durch Rechner. Angela Merkel spricht bereits von der „marktkonformen Demokratie“ und markiert damit eine Schnittstelle, an der sich entscheidet, ob die Märkte die Demokratie bestimmen, sie also beseitigen, oder die Demokratie die Herrschaft über die Märkte behält oder sie zurückerobert.
Wenn das nicht geschieht, passiert das, was Schirrmacher heute bereits erkennt: „Regierungen reden nur noch taktisch mit ihrer eigenen Öffentlichkeit, sie übergehen Parlamente und Gesetze, sie müssen falsche Fährten legen und widersprüchliche Erwartungen hegen, Regulierungen ankündigen, durchsetzen, verwerfen – alles nur, um im Rüstungswettlauf mit den Märkten den Gegenspieler zu verwirren.“ Eine Horror-Vorstellung, die aber angesichts der riesenhaften Public Relations-Industrie weltweit nicht ganz unwahrscheinlich ist. Dagegen müssen wir angehen. Systematisch belogen, betrogen und hinter’s Licht geführt zu werden.
Natürlich stecken in diesen Befürchtungen auch typisch deutsche Ängste vor dem „Westen“. Mit der Wallstreet und Silicon Valley. Aber gibt es nicht die zentralen Unterschiede zwischen dem anglo-amerikanischen Demokratiemodell mit seiner großen Nähe oder Abhängigkeit von den Märkten? Oder sind wir in Europa (und anderswo) auch schon so weit? Ulrich Beck zitiert wieder Frank Schirmmacher: „Vieles spricht dafür, dass im Inneren der gegenwärtigen Finanz- und Europakrise ein viel grundlegender Konflikt schwelt, indem es im Kern um die Implementierung der neo-klassischen und neo-liberalen amerikanischen Ideologie in die Gesellschaften, Mikromärkte und sogar in die konstitutionelle Ordnung des europäischen Westens geht.“
Schirrmachers sehr weitgehende These ist ja, dass sich die spieltheoretischen Modelle auf den Rechnern die Realität untertan machen. Sie bestimmen damit die Wirklichkeit. Die versteckte Implikation dabei ist die Entwertung des Wissens zugunsten der Informationen, welche die Rechner „sinnfrei“ verarbeiten, automatisch verwerten. „Information“ setzt hier nicht „Verstehen“ voraus. Andreas Zielcke schreibt: „Und hier setzt das tiefe bürgerliche Unbehagen .. ganz besonders an. Wenn Wissen als Quelle vor allem des gesellschaftlichen immateriellen Reichtums ausgemustert und durch automatisierbare sinnfreie Informationen ersetzt wird, entfällt alles, was wir mit Bildung, Lebenserfahrung, Selbsterkenntnis, ja auch mit dem Zweck universitärer Ausbildung und Forschung verbinden. Damit bricht ein bildungsbürgerliches Weltbild zusammen. Dass das universitäre Bachelorstudium sich verwandelt in die verschulte Aufnahme von hochselektiven Wissenspartikeln, die von den Studenten längst nicht mehr in größere thematische Zusammenhänge eingeordnet und interpretiert werden müssen, ist zwar erst ein Trend, aber vielsagend genug, um ins Bild zu passen.“
Was uns dabei gerade umtreibt, ist, dass die Weltwirtschaftskrise 1929 ja wesentlich zu Hitlers Aufstieg und zu Stalins Konsolidierung beigetragen hat. Dachten wir nicht, dies sei nun ein für allemal vorbei? Und können wir so optimistisch sein wie Alexander Cammann, der behauptet, Populismus (in der Form des Faschismus) und Kommunismus hätten in der gegenwärtigen ökonomischen Krise keine Chance mehr. Weiter: „Das Publikum genießt voller Angstlust die Sirenengesänge der Kritiker. Anderntags aber wird weiter in den Fonds der gemeingefährlichen Investmentbanken eingezahlt. Auch das ist Systemvertrauen.“
Cammann lobt den digitalen Kapitalismus. „Dieser hat ja nicht nur in kurzer Zeit für uns edle Weine und Schokoladen, veganes Essen, postmaterielle Daseinsformen und raschen Wissenszugang möglich gemacht. Weltweit ausgeweitet haben sich durch ihn Lebenschancen und Teilhabe für seit Jahrtausenden Entrechtete, für Frauen, Farbige, Homosexuelle und Behinderte: selbst die ‚Idiotie‘ des Landlebens‘ (Marx) verschwindet.“
Entscheidend kommt es bei der Beantwortung unserer Fragen darauf an, ob wir glauben, dass wir die digitalisierte Börsen einmal wieder beherrschen können oder nicht. Nikolaus Piper ist da skeptisch: „Es ist das klassische Beispiel für eine Technik, die Menschen erfunden haben, aber (noch) nicht beherrschen, so wie einst das Schießpulver und bis heute die Kernspaltung.“
Ich wünsche mir, dass Francis Fukuyama Recht behält, bin mir darin aber nicht sicher. Einmal wegen der Digitalisierung der Märkte und zum Zweiten wegen der Verbindung dieser Digitalisierung mit dem chinesischen Autokratismus, der so einmal vielleicht die westliche Demokratie überwindet.
Das möchte ich aber nicht.
(Journalistische Quellen: Thomas Assheuer „Die Zeit“ 14.2.13; Karl-Heinz Paqué „Die Welt“ 16.2.13; Ulrich Beck „Literarische Welt“ 16.2.13; Andreas Zielcke „Süddeutsche Zeitung“ 16./17.2.13; Jörg Sundermeier „taz“ 21.2.13; Alexander Cammann „Die Zeit“ 21.2.13; Nikolaus Piper „Süddeutsche Zeitung“ 2./3.3.13)