357: Nikolaus Schneider über Ökumene und Familie

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, scheidet als Präses der Rheinischen Landeskirche aus und zieht nach Berlin. Ratsvorsitzender bleibt er bis 2015. Nach Margot Käsmann wird Schneider wohl als verlässlich, solide, ausgleichend und bedacht wahrgenommen. Angesichts der vielen Herausforderungen für die Kirche und mancher gesellschaftlichen Umbrüche interviewen ihn Matthias Kammann und Karsten Kammholz („Die Welt“ 16.2.13).

W: Während Benedikts Pontifikat gab es keinen Fortschritt in der Ökumene.

Schneider: Fakt ist: dieser Papst hat in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation der gemeinsamen Erklärung von evangelischen und katholischen Christen zur Rechtfertigung zum Durchbruch verholfen. Er hat 2011 Martin Luthers Augustinerkloster in Erfurt besucht. Er hat dort zum Ausdruck gebracht, wie sehr er Luther und dessen Frage nach Gott schätzt. Zu den Fakten gehört aber auch: Er hat an jenem Tag öffentlich gesagt, dass er keine ökumenischen Gastgeschenke mitgebracht habe und dass wir nicht wie politische Parteien miteinander reden könnten. Das haben viele von uns als deutliche Brüskierung empfunden. Denn Benedikt suggerierte damit, wir Protestanten verständen die Gespräche als Verhandlungen zwischen Parteien. Das tun wir nicht. Das Bild, das der Papst dort von uns entwarf, hat mit unserem Selbstbild überhaupt nichts zu tun.

W: Gemeinsam ist beiden Konfessionen in Deutschland, dass ihre Position schwächer wird. Können Sie es nachvollziehen, wenn katholische Bischöfe von Pogromstimmung gegen die Kirche und einer „Katholikenphobie“ reden?

Schneider: „Pogrom“ geht gar nicht. Von „Pogromstimmung“ gegenüber Katholiken in der westlichen Welt zu reden ist eine zweite Verletzung derjenigen, die in dieser Welt wirklich unter Pogromen leiden. Mit der „Katholikenphobie“ hat Kardinal Meisner die Analyse eines französischen Soziologen aufgenommen, der sich speziell auf Frankreich bezog. Aus evangelischer Perspektive ist mir auch dieser Begriff viel zu stark. Was es real gibt, sind aggressiver werdende Töne aus dem sich „laizistisch“ nennenden Lager und atheistischen Gruppen. Diese wollen ihr säkularistisches Weltbild für alle verpflichtend machen. Das sind aber kleine Gruppen, die man nicht überbewerten darf. Verfolgungen von Christinnen und Christen gibt es in Deutschland nicht einmal ansatzweise.

W: In Deutschland wird über den Sinn familienpolitischer Leistungen diskutiert. Was sollte das Leitbild sein: Familie ist überall, wo Kinder sind?

Schneider: Familie ist da, wo Menschen verbindlich auf Dauer zusammenleben und Verantwortung füreinander übernehmen. Patchwork-Familien sind eine Realität. Auch Paare, die keine Kinder haben, sind Familie. Man kann nicht mehr sagen: Vater, Mutter, Kind. Familie ist nicht mehr soziologisch, sondern inhaltlich begründbar.

W: Fällt ihnen eine familienpolitische Leistung ein , auf die man verzichten könnte?

Schneider: Das Betreuungsgeld ist ein Fehler. Momentan haben wir keine echte Wahl zwischen der Betreuung von Kindern zu Hause oder in der Kita oder bei Tagesmüttern. Wir müssen uns zuerst darauf konzentrieren, ausreichend Betreuungsangebote zu schaffen. Erst wenn das gelungen ist, könnte man eventuell ein Betreuungsgeld erwägen.

W: Welche Leistung ist dagegen besonders wichtig?

Schneider: Entscheidend ist, dass Frauen eine Perspektive haben. Sie sind oft erfolgreicher in Schule, Ausbildung und Studium als Männer. Frauen müssen ihren Weg im Beruf gehen und zugleich ein Leben mit Familie und Kindern führen können. Das müssen wir sicherstellen.

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