In der „Welt“ (9.2.13) stellt Jacques Schuster Überlegungen an, ob unsere Gesellschaft nicht wie eine Erregungsgesellschaft angesichts von Problemen mit der Beschneidung, mit Sexismus und Rassismus überreagiert. Ob eine Schein-Sensibilität existiert, die tatsächlich der Vernichtung von Existenzen und dem politischen Machtkampf dient.
Zunächst: „Dieses Jahr .. kommen die Deutschen nicht zur Ruhe. Sie sitzen – frei nach Tucholsky – auf ihren Sofas und nehmen übel.“ Der deutsche Krach unterscheide sich von allen Krächen weltweit dadurch, dass er sich nicht mit dem Einzelfall begnüge. Tatsächlich geht es bei vielen Kontroversen ja um Strukturen. Diejenigen, die durch Korruption entstehen, oder diejenigen, die Misswirtschaft und Schlamperei nach sich ziehen. Über einen Super-Gau wie das Desaster beim Berliner Flughafen-Bau können wir tatsächlich nicht zur Tagesordnung übergehen. Darin besteht gewiss Einigkeit.
Dann Schusters guter Gedanke: „Es herrscht eine moralische Unerbittlichkeit und ein inquisitorischer Eifer, der uns jegliches Augenmaß vergessen lässt. Er entfernt uns von der gesunden Oberfläche des gesunden Menschenverstandes genauso wie von der Menschlichkeit, die uns neben vielem auch die Gabe zu verzeihen geschenkt hat.“ Hier halten wir inne. Und stimmen Schuster zu.
Aber die Linie, bis zu der Menschlichkeit walten sollte und hinter der unerbittliche Aufklärung gefordert ist, lässt sich nicht leicht ziehen. Menschlichkeit darf nicht zur Beschönigung von Krisen und Fehlverhalten benutzt werden. Und was veranlasst eigentlich einen Mann wie den langjährigen Chef der Hannover-Messe, Klaus Goehrmann, dazu, im hohen Alter ein Plagiat zu begehen (Thomas Fuchs „Göttinger Tageblatt“ 8.2.13) und damit die Technische Universität Clausthal in Bedrängnis zu bringen, die sich gewiss als eine höchst ehrbare Hochschule sieht, wie sich auch die Hannover-Messe bestimmt als ehrenwerte Institution begreift. In Clausthal studieren vorzugsweise Wirtschaftsingenieure, Informatiker und Maschinenbauer und nicht irgendwelche – in den Augen anderer – durchgeknallten Geisteswissenschaftler.
„Goehrmann vergleicht in seiner Arbeit zwei Schweißverfahren. Er erwähnt dabei jedoch nicht, dass er sich dabei auf die unveröffentlichte Arbeit zweier Forscher des Laserzentrums Hannover stützt. Überhaupt spielt auch das Laserzentrum in dem Fall eine wichtige Rolle: Goehrmann ist Kuratoriumsvorsitzender des LZH. Der Vizepräsident der TU Clausthal, Professor Volker Wesling, ist dort Vorstand – und war Erstgutachter von Goehrmanns Arbeit. Am Ende hat die TU den ersten Plagiatsfall ihrer Geschichte. Wesling will als Vizepräsident nicht wieder antreten. Aber reicht das als Konsequenz? Ist der Fall Goehrmann ein Einzelfall? Oder zeugt die großzügige Titelvergabe an den früheren Inhaber zahlreicher Ehrenämter von einer vielleicht sogar zu großen Nähe zur Industrie?“