Julian Nida-Rümelin ist Professor für Philosophie. In München. Vorher in Göttingen. In der Wissenschaftspolitik prägt er den Kurs der Bundes-SPD, ist aber auch Schattenminister in Bayern. In der Bildungs- und Wissenschaftspolitik verfolgt er in der Regel eine klare Linie. Martina Scherf hat ihn für die SZ (21.1.2013) interviewt.
Nida-Rümelin: Ich gehöre zu den Wenigen, die der generellen Akademisierung des Bildungssystems skeptisch gegenüberstehen. In der Tat haben wir einen Nachwuchsmangel in Informatik und Technikwissenschaften. Einen allgemeinen Akademikermangel sehe ich nicht. Die OECD kritisiert einmal Deutschland, Österreich und die Schweiz für ihre niedrigen Akademikerquoten. Wenige Monate später stellt sie fest: Die drei Länder haben die geringste Jugendarbeitslosigkeit. Beides hängt aber zusammen. Ein kostbares Gut in Deutschland ist das duale System von Bildung und Ausbildung. Das dürfen wir nicht zerstören, indem wir durch Anpassung an internationale Trends dafür sorgen, dass immer weniger Jugendliche in Lehrberufe gehen. Die duale Ausbildung ist sicherlich reformbedürftig, mehr als 250 Berufe ist zu viel, nötig ist eine gewisse Verwissenschaftlichung, Beispiel Mechatroniker. Aber den Weg der USA nachzuahmen, ist falsch.
SZ: Sie kritisieren immer wieder diese Ökonomisierung des Bildungssystems, den Fokus auf Verwertbarkeit von Wissen.
Nida-Rümelin: Das war ein gezielter Systemwandel seit den neunziger Jahren. Da gibt es Papiere, zum Beispiel des „Round Table of Industrials“, in denen der kritische Geist an Hochschulen und die fehlende Orientierung auf unternehmerisches Handeln beklagt werden. Marktorientierung, Nutzung des Humankapitals, Bildung als Ware – diese Kriterien haben sich international, etwa in der OECD, durchgesetzt. Ich bin pragmatisch genug zu sagen: Wir brauchen einen besseren Transfer von Wissenschaft in Technik und Wirtschaft. Aber die Politik hat Sorge zu tragen, dass die Pluralität von Theorien und Begriffen, der Streit um das bessere Argument nicht einem stromlinienförmigen Management und vordergründig ökonomischen Zwecken zum Opfer fallen.
W.S.: Hätten wir doch nur mehr solcher Bildungspolitiker wie Nida-Rümelin !