Immerhin haben zu Weihnachten der katholische Schriftsteller Martin Mosebach und der Emeritus für evangelische Theologie Friedrich Wilhelm Graf über die Wahrheit gestritten (FAZ 24.12.15, Gesprächsleitung Patrick Bahners und Edo Reents). Auch wenn darin Graf einen „Öffentlichkeitsverlust der akademischen Theologie“ beobachtete, der sehr bedauerlich ist, gelangten die Disputanten zu weiterführenden Einsichten. So als über den Kulturprotestantismus gestritten wurde.
Mosebach: Den Kulturprotestantismus habe ich im Elternhaus als etwas geistig sehr Fruchtbares erlebt. Voraussetzung war natürlich eine akademische Welt, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Das frechste Wort zu diesem Phänomen stammt von Cioran (dem rumänisch-französischen Existenzialisten und Zerfalls-Theoretiker, W.S.): „Gott verdankt Bach alles.“ Einen solchen Kulturkirchenvater haben die Katholiken freilich nicht. Als sich die protestantische Kirche von den Bildern trennte, ist in diesen Leerraum die Musik geströmt. Wenn man nach Eisenach kommt, findet man im Vorraum der Georgenkirche eine überlebensgroße Bronzestatue von Bach – und der rechte Fuß ist von den ehrfürchtigen Berührungen der Besucher blankpoliert, wie in St. Peter in Rom der Petrusfuß. So viel zum Kulturprotestantismus heute.
Graf: Es ist wohl kein konfesionelles Vorurteil, wenn man sagt, dass im Protestantismus die Wortkultur eine sehr viel größere Rolle gespielt hat. In der Tat ist im Protestantismus, einer
Ohrenreligion,
das Bekennen durch Musik wichtiger als in der katholischen
Augenreligion.
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