Schon mehrfach hatte Philip Roth seinen Rückzeug vom Schreiben angekündigt. Er wird 2013 achtzig Jahre alt. Viele auch von seinen Fans haben das für Koketterie gehalten. Doch nun hat Roth im französischen Kulturmagazin „Les Inrocks“ (7.10.12) seine Ankündigung wiederholt. Sein Verlag hat dies am 9.11.12 bestätigt. Und es sieht so aus, als würde Roth diesmal ernst machen und sich neben der Lektüre seiner Lieblingsautoren Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenjew, Joseph Conrad und Ernest Hemingway nur noch der Lektüre der eigenen Bücher widmen. „Nemesis“ (2010) wäre sein letzter Roman gewesen.
Einer der größten Schriftsteller der Welt würde verstummen. Er würde uns nicht mehr mit seinen Gedanken über den Sex, die Liebe, die Literatur, das Judentum, das Selbstverständnis der USA und ihrer vielen verschiedenen ethnischen Gruppen, das Altern und den Verfall unterhalten. Ein großes, farbiges Spiel mit Autobiografischem ginge zu Ende. Ich mag mir das noch gar nicht vorstellen. Der „Woody Allen der amerikanischen Gegenwartsliteratur“ würde mit der Produktion aufhören. Er hat mich fasziniert durch die Glaubwürdigkeit seiner Perspektiven. An keiner Stelle ist dieser Autor banal oder erweckt einen objektivistischen Anschein. Besonders Verständnis erleben wir bei Roth für Männer, auch für uns Chauvis. Dem kann ich mich schwer entziehen. Und so haben Philip Roths Helden meine Lektüre geleitet:
Alexander Portnoy („Portnoys Beschwerden“ 1969),
David Kepesh („Die Brust“ 1972),
Peter Tarnopol („Mein Leben als Mann“ 1974),
Nathan Zuckerman („Tatsachen“ 1988 und andere Publikationen),
„Philip Roth“ („Täuschung“ 1990 und andere Publikationen),
Henry Zuckerman („Gegenleben“ 1995),
Mickey Sabbath („Sabbaths Theater“ 1995),
Seymour Irving Levoy („Amerikanisches Idyll“ 1997),
Coleman Silk („Der menschliche Makel“ 2000),
Larry Hollis („Exit Ghost“ 2007),
Marcus Messner („Empörung“ 2008),
Simon Axler („Die Demütigung“ 2009),
Bucky Cantor („Nemesis“ 2010, Aufzählung unvollständig).
Willi Winkler, ein dezidiert linker Autor und einer der besten deutschen Journalisten, zitiert Philip Roth mit dem Satz „Ich habe mein Leben dem Roman geweiht.“ (SZ 12.11.12). Schreiben bedeute, dass man im Unrecht sei, so Roth. „Alle Entwürfe erzählen die Geschichte vom Scheitern. Ich bringe einfach nicht mehr die Energie auf, mich dieser Kraft entgegenzustellen.“ Roth weiter: „Amerika sehe ich nur noch im Fernsehen, aber ich lebe dort nicht mehr.“ Ein für ihn typischer Satz.
Wikipedia widmet sich der Literatur und ihren Autoren bisweilen in einem banalen und abgenutzten Buchhalter-Stil, der häufig den Gegenständen und Themen nicht gerecht wird. So heißt es über Philip Roth: „Der Vorwurf, dass die Schwedische Akademie die Leistungen von Philip Roth bei der Auswahl des Literaturnobelpreisträgers alljährlich geflissentlich übersehe, gehört seit den 2000er Jahren zu den Gemeinplätzen internationaler Feuilletons.“ Liebe Schreiber bei Wikipedia, das ist erstens eine Tatsache und zweitens ein Skandal. Auch wenn sich der Jury-Vorsitzende für den Literatur-Nobelpreis nicht zurückhalten konnte zu behaupten, dass die nordamerikanische Literatur generell nicht auszeichnungswürdig sei. Ein Wicht, der unser Mitleid verdient hat. Zur Zeit sind eben die Chinesen dran. Literatur darf im Kern niemals den Urteilen von Gremien, Hintersassen und Banausen unterworfen werden. Wir Leser können selbst entscheiden.