Reich-Ranicki, Broder und die iranischen Atompläne

Es ist dem Börne-Preisträger von 2007, Henryk M. Broder, vorbehalten, anlässlich der Verleihung der Ludwig-Börne-Ehrenmedaile für sein Lebenswerk an Marcel Reich-Ranicki diesen zu mehr Unterstützung für Israel aufzufordern. Und wie immer bei Broder lohnt es sich, genau zu lesen und exakt hinzuhören. Ihm liegt das Thema der Bedrohung Israels wie kein zweites am Herzen. Nachdem er zunächst Tilman Jens‘ Bemühungen abgeschmettert hat, Marcel Reich-Ranicki den Verrat von Regimegegnern in Polen nachzuweisen („Hatte es mit der Entnazifizierung der eigenen Väter nach dem Kriege nicht immer geklappt, so sollte wenigstens an einem polnischen Juden und ehemaligen Kommunisten retrospektiv ein moralisches Exempel statuiert werden.“), behauptet Broder: „Sie und ich, wir leben in einem Deutschland, in dem tote Juden über alles geliebt, während die überlebenden und ihre Nachkommen als Störer empfunden werden.“ Der „Sündenstolz“ der Deutschen kokettiere fröhlich mit ihrer grausamen Geschichte, um daraus Kapital zu schlagen. „Gerade wir Deutschen …“ Nur hätten die Deutschen mit ihrem Pazifismus die falschen Schlüsse aus dem Nationalsozialismus gezogen.

Broder fragt Reich-Ranicki, ob er nicht eine Gänsehaut bekomme, wenn er bei der Beschreibung der Verhältnisse im Gaza-Streifen Formeln wie „Zustände wie im Warschauer Getto“ höre. Reich-Ranicki mit all seinen Preisen und seiner Anerkennung sei doch wer in Deutschland. Er sei doch im Warschauer Getto gewesen. Müsse er nicht sagen „Hört auf mit diesem Quatsch. Ich war im Warschauer Getto. Ich weiß, wie es da zuging. Verglichen mit dem Warschauer Getto ist Gaza ein Club Med.“ Israel drohe eine zweite Endlösung. Es werde für die Literaturinteressierten dann Seminare geben über Amos Oz, A. B. Yehoshua und David Grossman, „als literarische Testamente einer untergegangenen Welt“. Wir müssten damit rechnen, dass die großen Katastrophen nicht hinter, sondern vor uns lägen. Statt vergangene Desaster zu analysieren, sollten wir potentielle erkennen und im Ansatz verhindern. Folgerichtig gelangt Broder zu dem Satz “ Wir trauen uns zu, den Anstieg der Welttemperatur auf zwei Grad zu begrenzen, aber wir sind nicht in der Lage, Iran von seinen Atomplänen abzubringen.“ Hier stellt sich uns allen die Frage: Wie soll das bewerkstelligt werden?

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.