Thomas Sattelberger war in den Personalvorständen von Daimler-Benz, der Lufthansa, bei Continental und der Deutschen Telekom (SZ-Interview Thomas Öchsner 29.10.12). Im Ruhestand kann er offener sprechen als vorher. Das tut er auch.
SZ: Warum geht es Deutschlands Wirtschaft dann so gut? So viel können die Unternehmenslenker doch gar nicht falsch gemacht haben.
S.: Na ja. Es gibt Gegenbeispiele. Nehmen Sie die Energiebranche, die bei der Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke die Politik fast erpresserisch bis an die Grenzen des Erträglichen gedrückt hat und dann plötzlich von der Energiewende, vom Abschalten betroffen war. Oder die jetzt teilweise zugrundegegangene, hoch subventionierte Solarindustrie, die es plötzlich mit der chinesischen Niedrigkosten-Konkurrenz zu tun bekam. Unser Land ist ja relativ gut in klassischen Schlüsseltechnologien, nicht aber unbedingt in innovativen Schrittmacher-Technologien.
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Auf die Frage, wie die etwa 100 Aufsichtsratsposten in den Dax-Unternehmen mit Frauen zu besetzen seien, antwortet
S.: Bei hunderttausend top ausgebildeter und wirtschaftserfahrener Frauen in diesem Land ist es doch lächerlich zu glauben, diese knapp 100 Positionen sowohl aus Deutschland wie auch international nicht bestens besetzen zu können. … Ein weiblicher Talentpool ist mittelfristig entscheidend dafür, dass sich langfristig und nachhaltig auch für Vorstände und Aufsichtsräte genug qualifizierte Frauen finden.
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SZ: Bei Ihrer Kritik geht es Ihnen aber nicht nur um die Männerbünde. Sie haben auch einmal von einer „Schar gefönter Bubis und Barbiepuppen im Business-Look“ gesprochen, die die Elite-Universitäten verlassen und vor allem in der Finanzbranche und der Unternehmensberatung „geklont“ werden.
S.: Ja, damit habe ich mir nicht wenig Ärger eingehandelt. Mir ging es darum, Muster herauszuarbeiten. Die US-amerikanisch geprägten Business-Schulen infiltrieren weltweit die Gehirne von Hunderttausenden zukünftigen Führungskräften jedes Jahr – übrigens auch die deutschen Wirtschaftswissenschaften.