Als Stimme der Vernunft präsentiert sich der FC Bayern-Präsident Karl-Heinz Rummenigge im Interview mit Klaus Hoeltzenbein und Christof Kneer (SZ 4.9.15) über das internationale Fußballgeschäft am Ende der Transferperiode.
SZ: Spinnen die Engländer?
Rummenigge: Nein, ich verwende solche Vokabeln nicht. Ich sage auch nicht, dass der Transfermarkt wahnsinnig geworden ist. Er ist emotional, aber das war er zu meiner Zeit auch, nur eben mit anderen Summen. Und eines muss auch jedem klar sein: Wir haben erst die Spitze des Eisbergs gesehen. … Von den sogenannten Big Five (England, Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland) sind wir mit Abstand Letzter bei den TV-Einnahmen.
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SZ: Viele in der Branche sagen: Lass‘ die Engländer ruhig spinnen. Solange die zu viele Millionen für zu viele Spieler ausgeben, kann sich die Bundesliga immer noch wehren – indem sie listiger transferiert.
Rummenigge: Ich muss ein bisschen schmunzeln, wenn Fußball-Deutschland die Engländer gerade zu Spinnern stilisiert. Ich kenne die Verantwortlichen dort. Ich kann Ihnen versichern: Das sind Profis. Ich habe das Jugendleistungszentrum gesehen, dass Manchester City gerade hingestellt hat und kann nur sagen: Besser geht’s nicht. Ich war bei Tottenham, Arsenal und Chelsea: überall dasselbe. Ich sage Ihnen: Die Engländer geben Vollgas, auch im Nachwuchsbereich. … Für Jugendspieler (14-, 15-Jährige) wird bis zu einer Million gezahlt. Ich befürchte, dass bei deutschen Jugendspielen bald sehr viele englische Scouts auf den Tribünen sitzen werden.
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SZ: Beim Pay-TV denken Sie wahrscheinlich an Anbieter wie die Telekom, an Vodafone, an die Kabelbetreiber oder an Discovery, die gerade die olympischen TV-Rechte erworben haben.
Rummenigge: Es gibt auch noch das Free-TV. Die ARD hat es sich ja erlaubt, die Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft und die olympischen Rechte zu verlieren – ich kann mir nicht vorstellen, dass sie auch noch die Sportschau verlieren wollen. … Ich bin jemand, der mit der Sportschau groß gewoden ist, ich mag diese Sendung – auch weil ich weiß, dass sich nicht jeder ein Abo fürs Pay-TV kaufen will.
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SZ: Sie fordern also einen aggressiveren Bieterkampf. Welche Summe schwebt Ihnen am Ende vor?
Rummenigge: Schön wäre, wenn es der DFL mit Hilfe der Bundesliga gelänge, aus 500 Millionen eine Einskomma-X zu machen.
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SZ: Ging es bei Thomas Müller tatsächlich um die kolportierten 100 Millionen als Ablösesumme?
Rummenigge: Ich spreche nicht über Zahlen, aber es war sehr hoch. Wenn ich Bankdirektor wäre, hätten wir das machen müssen. Aber als Fußballverein haben wir uns erlaubt, die Tür zuzumachen. Und diese Tür bleibt zu, das kann ich allen versprechen. Aber klar ist auch: Es wird angesichts des englischen Fernsehgeldes auch für den FC Bayern in Zukunft nicht leichter werden.
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