284: Finanzkapitalismus: 10 Thesen (gestützt auf Colin Crouch)

Wer die gegenwärtige Krise des Finanzkapitalismus verstehen will, sollte sich bei Colin Crouch kundig machen, dem gerade emeritierten britischen Politikwissenschaftler und Soziologen (SZ-Interview Catherine Hoffmann 26.10.12). Sein Buch „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ hat in Deutschland mehr Leser gefunden als überall sonst. Nach Crouch verschärft sich der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, aber der Finanzkapitalismus wird nicht abgeschafft, weil er noch gebraucht wird.

1. Theorie der Postdemokratie: Die Macht der Großkonzerne steigt weiter und die Macht der Parlamente sinkt.

2. Dagegen muss die Marktwirtschaft gestärkt und Marktbeherrschung verhindert werden.

3. Die Ära des Finanzkapitalismus wird nicht in Frage gestellt, weil die Regierungen und Ökonomen glauben, ihn bei der Lösung der anstehenden Probleme noch zu benötigen.

4. Die Banken können nur dadurch wieder stärker werden, indem sie den Derivate-Handel neu beleben.

5. Besonders in den USA ist die politische Führung infiltriert von Führungskräften der Finanzindustrie.

6. Wir benötigen die Zweiteilung der Banken in a) diejenigen, die Kundeneinlagen verwalten und Kredite vergeben, und b) Investmentbanken.

7. Für die Bonität der Banken sollten nicht so sehr die Steuerzahler als die Aktionäre haften.

8. „Die Bankenkrise hat den Sinn dafür geschärft, dass es eine globale Elite gibt, die losgelöst ist vom Staat, dort aber Macht ausübt – und unglaublich arrogant ist.“

9. Heute gilt nicht mehr der Satz von 1956: „Was gut ist für General Motors, ist gut für die USA.“, sondern der Satz aus den achtziger Jahren: „Schweden braucht Volvo, aber Volvo braucht Schweden nicht.“

10. „Die Verlagerung von Fabriken von Westeuropa und Japan in aufstrebende Länder hat eine Reihe von Konsequenzen – die sind nicht alle negativ. Ein Teil unserer europäischen Arbeitskräfte kann nun höherwertige Güter herstellen, und es gibt eine wachsende Mittelschicht in China. Einer der Gründe, warum die deutsche Wirtschaft boomt, ist, dass Unternehmen ihre Produkte nach Fernost verkaufen. Wir ernten schon die Gewinne der Globalisierung! Das verschafft uns Spielraum. Und den sollten wir nutzen, um starke internationale Institutionen zu schaffen.“

(für Kurt Erdmann)

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