283: Jean Améry 100

Jean Améry (geboren als Hans Mayer 1912 in Wien) hat uns gezeigt, was Folter ist und dass man sie nicht überleben kann. Er wäre in diesem Jahr 100 Jahre geworden (Fritz J. Raddatz „Literarische Welt“ 27.10.12). Im deutschsprachigen Journalismus nach 1945 hat er eine ganz einmalige Rolle gespielt. Diejenigen, die ihn gekannt haben, werden ihn nicht vergessen. Über seine Schriften hinaus habe ich ihn einige Male im „Internationalen Frühschoppen“ von Werner Höfer erlebt. Seinen österreichischen Dialekt hat er nie ganz verloren. Er hat ein Leben zum Tode hin geführt. Vorangegangen ist er uns mit seinem Buch „Diskurs über den Freitod – Hand an sich legen“. Darin legt er Zeugnis ab für die „Grundtatsache, dass der Mensch wesentlich sich selbst gehört“, keiner Gruppe, keiner Ideologie, keiner Partei, keinem Staat, keiner Religion. Denen könnte er sich nur anschließen. Aus eigenem Willen. Jean Améry war ein Einzelner, herausragend, unverkennbar. Nicht alle fühlten sich seiner Unbedingtheit gewachsen.

Der jüdische Widerstandskämpfer Hans Mayer wurde am 23. Juni 1943 in Brüssel verhaftet. Über seine Folter in der Festung Breedonk schreibt er: „Von dort drang kein Schrei nach draußen. Dort geschah es mir: die Tortur. … Die Tortur ist das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann. … Es wird schließlich die körperliche Überwältigung durch den anderen dann vollends ein existenzieller Vernichtungsvollzug, wenn keine Hilfe zu erwarten ist. … Mit dem ersten Schlag der Polizeifaust aber, gegen den es keine Wehr geben kann und den keine helfende Hand parieren wird,endigt ein Teil unseres Lebens und ist niemals wieder zu erwecken.“ „In der Tortur wird die Verfleischlichung des Menschen vollständig. … Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert. Unauslöschlich ist die Folter in ihn eingebrannt. … Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“ Jean Améry hat sich am 17. Oktober 1978 in Salzburg, seiner alten Heimat, in der er heimatlos geworden war, umgebracht.

Améry beschreibt, wie Kinder getötet wurden: Eine Mutter „gerät an einen wachthabenden SS-Mann, ‚Mein Kind‘, sagt sie, ‚haben Sie nirgends mein Kind gesehen?‘ ‚Ein Kind willst Du?‘ antwortet der SS-Mann mit vollkommener Ruhe, ‚warte …‘ Und er geht sehr langsam auf die Gruppe … der Kleinen zu. Er bückt sich und ergreift einen etwa vierjährigen Knaben beim Fuß. Er hebt ihn hoch und wirbelt ihn einige Male durch die Luft, wobei er den kleinen Kopf an einem eisernen Pfeiler zerschmettert.“

Für Améry war die Folter niemals vorbei. Er wurde mit gefesselten Händen rücklings an einer Kette aufgehängt – „Die Kugeln sprangen aus den Pfannen.“ – mit dem Ochsenziemer ausgepeitscht, die Schultergelenke ausgerenkt. „Es war für einmal vorbei. Es ist noch immer nicht vorbei. Ich baumele noch immer, zweiundzwanzig Jahre danach, an ausgerenkten Armen über dem Boden, keuche und bezichtige mich.“ Er hat es sich niemals verziehen, das erduldet, das ertragen, das durchgestanden und sich bezichtigt zu haben.

Ich vergesse es nicht, wie einmal im „Internationalen Frühschoppen“ gegen Ende der Sendung vom Moderator Werner Höfer befragt, ob Ulrike Meinhof mit dem Terror im Untergrund aufhören solle, Jean Améry antwortete: „Nicht aufgeben.“ Ich habe dieses Fehlurteil bald verstanden.

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