276: „Herr Schmidt wäre der beste Freund der chinesischen KP“.

Zwei chinesische Schriftsteller sind mit Preisen ausgezeichnet worden. Mo Yan mit dem Nobelpreis für Literatur, Liao Yiwu mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Die achtzehn Mitglieder der schwedischen Nobelpreisjury glauben anscheinend, dass Weltliteratur auch in einer kommunistischen Diktatur entstehen kann. Mo Yan nimmt sogar an, dass Zensur für Literatur großartig ist. Die Proteste gegen ihn sind in der Mehrzahl wieder verstummt.

Dass Philip Roth den Nobelpreis für Literatur wieder nicht bekommen hat, steht auf einem anderen Blatt. Oder nicht. Denn auch da geht es um Literaturpolitik. Und deswegen haben wir es uns seit langem abgewöhnt, daran zu glauben, dass der Literaturnobelpreis für literarische Qualität vergeben wird. U.a. wird er auch nach kontinentalem und weltanschaulichem Proporz vergeben. Und die schwedischen Juroren wissen es wohl einfach nicht besser.

Zudem sind die politischen Verhältnisse in China nicht einfach zu charakterisieren. Zwar handelt es sich bei der Volksrepublik um eine kommunistische Diktatur ohne Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit mit zig Millionen rechtlosen Wanderarbeitern und der schlimmsten Umweltzerstörung auf der ganzen Welt. Andererseits hat sich China seit 1992 unter der Ägide einer kapitalistischen Wirtschaftspolitik zu einem der größten Märkte entwickelt (wo z.B. die meisten deutschen Autos verkauft werden). China ist inzwischen auch einer der größten Akteure auf den internationalen Finanzmärkten und stützt mit seiner Politik teilweise die von Schulden gedrückten US-Amerikaner. Da trauen sich viele nicht, offen über China zu sprechen, dass sich mit seiner Machtpolitik etwa die Olympischen Spiele 2008 in Peking verschafft hatte.

Liao Yiwu kritisiert die Volksrepublik offen. Er hat anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Paulskirche eine bewegende, wenn auch ungewöhnliche Rede gehalten. Sie war von ihm mit einer Klangschale musikalisch untermalt. Liao Yiwu lebt seit 2011 in Deutschland. Er ist aus China geflohen. Hat dort vier Jahre im Gefängnis gesessen. Diese Zeit hat ihn stark geprägt. Er wünscht seinem Land die Freiheit und das Zerbrechen der kommunistischen Diktatur. Er fühlt sich als Anwalt der „kleinen Leute“, die sonst nirgends erwähnt werden.

Liao Yiwu nimmt im Ausland kein Blatt vor den Mund. So sagt er über den Diktator Deng Xiaoping: „Der gerissene Tyrann Deng Xiaoping griff zu einem Trick und begab sich im Frühjahr 1992 auf eine historische Reise in den Süden, nach Shenzhen, wo er zur Rettung seiner Partei und der politischen Krise die Öffnung des chinesischen Marktes verkündete.“

Liao Yiwu kritisiert aber auch den Westen, wo die Bundeskanzler von Helmut Schmidt bis Angela Merkel den Chinesen ihre Aufwartung machten. Um deutscher Handelsinteressen willen. „Zu den ausländischen Investoren wird gesagt: kommt und errichtet bei uns Fabriken, macht Geschäfte, baut Hochhäuser und knüpft Netzwerke, solange ihr nicht den Finger in die Wunde legt und über Menschenrechte sprechen wollt, könnt ihr tun und lassen, was euch beliebt.“

In seinem Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ hat sich Liao Yiwu den Terror der chinesischen Gefängnisse vorgenommen, den er aus eigener Anschaung kennt. Sein Buch „Die Kugel und das Opium“ ist den Opfer des Massakers auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 gewidmet. Den „einfachen Leuten“. Noch in China hat Liao Yiwu einige ehemalige Häftlinge interviewt. Für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (14.10.12) hat Maria Wiesner mit dem Friedenspreisträger gesprochen.

FAS: Sie bezeichnen sie (die einfachen Leute, W.S.) als „Rowdys“. Gibt es eine Unterschied zwischen diesen „Rowdys“ und den Studenten, die 1989 auf dem Platz demonstriert haben?

Liao Yiwu: Die damaligen Studenten waren die Eliten. Sie standen mitten auf dem Platz, auch mitten im Rampenlicht der Medien – westlicher wie asiatischer. Egal, ob sie einen Hungerstreik machten oder ihre Forderungen verkündeten, alles wurde weltweit berichtet. Die kleine Leute in Peking gelangten gar nicht erst auf den Platz. Das war ihnen verboten. Als dann aber die Panzer einrollten, hatten diese kleinen Leute nur ein Ziel: die Studenten schützen und die Panzer stoppen. Deshalb sind unter ihnen die meisten der Getöteten. Erwähnt werden später nur die Namen der elitären Studenten. Die kleinen Leute geraten völlig in Vergessenheit.

FAS: Als Sie aus dem Gefängnis kamen, mussten Sie zurück zu ihren Eltern ziehen – die gleiche Erfahrung machten Ihre Interviewpartner.

Liao Yiwu: Der einzige Unterschied zwischen mir und denen besteht darin, dass ich schreiben kann und sie nicht. Viele waren noch Teenager, als sie ins Gefängnis mussten. Als sie rauskamen, waren sie alt, zwischen 30 und 40, und hatten noch nie ein sexuelles Erlebnis. Das chinesische Gefängnis raubt nicht nur die Freiheit der Person, sondern auch die Sexualität.

FAS: Erst wenn man sich die Sexualität zurückholt, hat man auch seine Feiheit wieder?

Liao Yiwu: Für viele dieser Männer ist die Sexualität ein großes Thema. In den Interviews haben sie immer über ihre Impotenz gesprochen. Das ist die Gefängniskrankheit, die jeder Mann erleidet. Man verliert die Freiheit ein zweites Mal. Das führt zu einem doppelten Minderwertigkeitskomplex. Aber jeder sagte zu mir: Das ist meine ganz private Sache, schreib bitte nicht darüber – das musste ich respektieren. Deshalb ist in diesem Buch das Vorwort so lang. Ich schreibe über meine eigenen Erfahrungen.

FAS: Was wird es (das Buch, W.S.) in China ausrichten?

Liao Yiwu: Mein Buch wird überhaupt keine Wirkung auf das Regime haben. Die KP wird das nicht als Anlass zur Reflexion nehmen. Wenn natürlich der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ein Buch über China schriebe, würde das große Aufmerksamkeit erhalten, und Herr Schmidt wäre der beste Freund der chinesischen KP.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.