Wie Filmmusik funktioniert, erläutert uns in einem Interview mit Rebekka Sambale („Hannoversche Allgemeine Zeitung“, 6.10.12) Reinhard Kopietz, Professor für Musikpsychologie.
S.: Herr Kopiez, was passiert in unserem Kopf, wenn zu einem Film Musik dazukommt?
K.: Die Herausforderung besteht beim Film darin, eine Bild-Ton-Beziehung herzustellen. Insgesamt ist Filmmusik dann am wirkungsvollsten, wenn sie dem Bildinhalt weitere Bedeutung hinzufügt und uns emotional einstimmt. Das geschieht zum Beispiel dann, wenn dem Zuschauer durch Klänge Informationen über den Ort der Handlung gegeben werden. Zum Beispiel verweisen Gitarrenklänge auf Spanien.
S.: Viele Menschen nehmen Filmmusik nicht bewusst wahr, warum?
K.: Das ist wenig überraschend, denn man geht ja nicht ins Kino um Filmmusik zu hören. Der Film verwendet anspruchsvolle Erzähltechniken. Das ist für den Zuschauer eine komplexe Denkleistung. Es handelt sich beim Film quasi um einen Wettbewerb der Sinne. Wenn in „Fluch der Karibik“ der Klang eines unsichtbaren großen Orchesters zum sichtbaren Bild eines Piratenschiffs zu hören ist, bleibt es eine erstaunliche Wahrnehmungsleistung, dass es uns nicht stört, keine Quelle der Klangerzeugung sehen zu können.
S.: Lässt sich voraussagen, welche Melodien welche Gefühle beim Zuschauer auslösen?
K.: Ein schnelles Tempo wird eher mit positiven Emotionen und stärkerer Anregung verbunden, weiche Klänge eher mit Zärtlichkeit und Traurigkeit. Man muss aber immer berücksichtigen, dass jeder Hörer auch seine musikalische Hörbiografie mitbringt. Deshalb muss die Sprache einer Filmmusik auch immer an die jeweilige Zielgruppe angepasst werden.
S.: Was ist das Rezept für die perfekte Gänsehautmusik?
K.: Aus der musikalischen Emotionsforschung wissen wir, dass Musik mit überraschenden Wendungen stark gänsehautauslösend ist. Manchmal ist auch der Rückgriff auf dissonante geräuschhafte Klänge ein sehr wirksames Mittel, wie in der Duschszene von „Psycho“.
S.: Wirkt gute Filmmusik auch ohne Film?
K.: Natürlich. Die Soundtrack-Charts sprechen da eine eigene Sprache. Die Musik ruft dabei Erinnerungen an die Stimmungen des Films wach. Ennio Morricones Titelmelodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich eine ursprünglich funktionale Musik als eigenständige Kunstform nach und nach verselbständigt.
S.: Was ist ihre persönlich liebste Filmmusik?
K.: Ich bin ein großer Fan von Hitchcocks Hauskomponist Bernard Herrmann. Die Musik zu „Vertigo“ ist großartig. Bei den jüngeren Filmen ist John Williams Musik zu „Schindlers Liste“ eine Meisterleistung. Der Komponist drückt mit dem sparsamen Mittel der Solovioline die Leiden des ganzen Volkes aus.