263: Necla Kelek und Dilek Kolat bewerten Heinz Buschkowsky verschieden.

Necla Kelek rezensiert Heinz Buschkowskys Buch „Neukölln ist überall“ in der „Literarischen Welt“ (29.9.12). Sie stimmt seiner Analyse, dass überall kapituliert werde vor den Problemen der Integration, emphatisch zu. Viele Verantwortliche gäben den „Wowereit“. „Sie agieren nach dem Motto: Mach‘ die Vorhänge zu, ich kann das ganze Elend nicht mehr sehen – und kommen erst zum ‚Karneval der Kulturen‘ wieder ans Licht.“

Scharf kritisiert Kelek die ehemalige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats, Barbara John. Sie habe „eine Politik kreiert, nach der ein Ausländer per se ein guter Mensch ist, denn er stellt eine Bereicherung dar. Ein Deutscher ist per se ein schlechter Mensch, weil er die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust niemals ablegen kann und immer latent ausländerfeindlich bleiben wird.“

Nach Kelek zeigt Heinz Buschkowsky in seinem Buch auf, dass „viele soziale Defizite nicht an Geld oder mangelnden Chancen liegen, sondern daran, dass die Eltern den Kindern kein Vorbild, keine Hilfe sind und sich einen feuchten Kehricht darum kümmern, wo sie leben, wenn nur der ‚Knatter auf dem Konto‘ ist.“ In Neukölln seien 80 Prozent der Kinder nicht-deutscher Herkunft. Bis zu 90 Prozent der Erziehungsberchtigten gingen keiner offiziellen Arbeit nach. Die „soziale Hängematte“ bestehe aus Hartz IV, Grundsicherung und Aufstockung durch Schwarzarbeit. Bezahlt werde nach BAT („Bar auf die Tatze“). Für Kelek benennt Buschkowsky nur das, was ist. Für sie ist er kein Pauschalierer, Alarmist oder Rassist, sondern ein verantwortungsvoller Politiker.

Während Hindus, Buddhisten und auch Aleviten sich in Berlin als Teil der Gesellschaft fühlten, erweckten arabische, kurdische und türkische Muslime den Eindruck, sie seien hauptsächlich an Abgrenzung interessiert und nutzten dies zur Diskriminierung von Frauen. Von den muslimischen Organisationen sei keine Hilfe zu erwarten. Sie seien mit verantwortlich für die herrschende Misere.

Buschkowsky nenne die wahren Ursachen: „mangelnde Bildung, eigene Gewalterfahrung, die Machokultur, ständiger Geldmangel gepaart mit religiöser Selbsterhöhung“. Necla Kelek versteht Heinz Buschkowskys Programm zur Verbesserung der Lage: Kinder vom 13. Monat an in den Hort, Ganztagskindergarten, Kindergeld in Form von Sachleistungen, Ganztagsschule, Sprachbetreuung nötigenfalls bis zum Abitur. Das sei billiger als Jugendarrestplätze.

Die Berliner Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat (SPD), beurteilt die Analyse und den Therapievorschlag ihres Parteifreunds Heinz Buschkowsky erwartungsgemäß viel skeptischer als Necla Kelek. Sie hat der SZ (28.9.12) ein Interview gegeben (Constanze von Bullion, Roland Preuss).

SZ: Ihr Parteikollege, Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky, beschreibt in seinem neuen Buch drastisch, wie die Integration insbesondere muslimischer Zuwanderer gescheitert ist. Er fordert mehr Härte. Stimmen Sie dem zu?

Kolat: Herr Buschkowsky hat immer aus seiner Neuköllner Perspektive heraus argumentiert. Vieles, das er beschreibt, dürfte richtig sein. Aber das trifft nicht auf ganz Neukölln zu und schon gar nicht auf ganz Berlin. Die Aussage des Buchs „Neukölln ist überall“ ist daher objektiv nicht richtig. Ich verstehe Integration als Teilhabe an Bildung, am Erwerbsleben, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Dies zu gewährleisten, ist Aufgabe der Politik, aber die Chancen zu ergreifen, ist Aufgabe der Einwanderer.

SZ: Ist Buschkowsky ein Populist?

Kolat: Populist würde ich ihn nicht nennen. Er verallgemeinert gern. Mit einfachen, kurzen Antworten kann man so komplexe Probleme nicht lösen.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.