208: Die deutsche Freiheit: Götz Aly erklärt den Beitrag von Demokraten, Reformern und Liberalen zum Antisemitismus.

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2012 erklärt Götz Aly den Beitrag von Demokraten, Reformern und Liberalen zum Antisemitismus. Er erläutert damit, warum der Antisemitismus so weite Kreise zog und zieht.

Begonnen hat der moderne Antisemitismus in den Freiheitskriegen gegen Napoleon, die 1815 in Waterloo endeten. Denn diese Kriege brachten nicht nur die Befreiung von Napoleon, sondern zugleich den „geschichtsverhangenen, altdeutschen und germanisch gewandeten demokratischen Nationalismus“ eines Ernst Moritz Arndt oder Joseph Görres. „Freiheitstrieb und Franzosenhass“ schmolzen in ein Gefühl zusammen.

Der Hamburger Gymnasiallehrer Eduard Meyer über Ludwig Börne und Heinrich Heine: „Börne ist Jude wie Heine wie Saphir. Getauft oder nicht, das ist dasselbe. Wir hassen nicht den Glauben der Juden, (…) sondern die hässlichen Besonderheiten dieser Asiaten, die nicht mit der Taufe abgelegt werden können: die häufig auftretende Schamlosigkeit und Arroganz bei ihnen, die Unanständigkeit und Frivolität, ihr vorlautes Wesen.“

Aly unterstreicht, wie schon Börne erkannt hat, dass er aus seinem Judentum nicht herauskommt: „Es ist wie ein Wunder! Tausend Male habe ich es erfahren, und doch bleibt es mir ewig neu. Die einen werfen mir vor, dass ich ein Jude sei; die anderen verzeihen mir es; der Dritte lobt mich gar dafür; aber alle denken daran.“

Aly zählt einige Judengegner auf, die ansonsten eher als angesehene Reformer oder Künstler gesehen werden: Karl vom Stein, Achim von Arnim, Caroline von Humboldt, Ernst Moritz Arndt, Jacob Grimm, Joseph Görres, Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Friedrich Ludwig Jahn, Friedrich List, Richard Wagner oder Franz Mehring, „um nur einige zu nennen“.

Der führende Liberale Wilhelm Jordan erklärte 1848 in der Paulskirche in einer Debatte um die Freiheit Polens, er betrachte „die Überlegenheit des deutschen Stammes gegen die meisten slawischen Stämme“ als „naturhistorische Tatsache“. Jordan sah die Polen als ein Volk „aus Edelleuten, Juden und Leibeigenen“ und rechtfertigte die drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert, an denen jeweils Preußen, Russland und Österreich beteiligt waren. Aly bemerkt dazu, und das ist für mich die zentrale Stelle in seinen Ausführungen: „Wer darüber nachdenkt, schreibt oder spricht, wie und warum Deutsche während des Zweiten Weltkriegs in Polen derart mörderisch hausten, sollte die von deutschen Demokraten in der Paulskirche begangene Ursünde nicht vergessen.“

Für Aly gründet der Antisemitismus in Deutschland in Schwäche, Kleinmut, Selbstzweifeln und Versagensangst. Entscheidend ist für ihn der „Bildungsvorsprung“ der Juden, der sich bald auch in den Einkommensverhältnissen niedergeschlagen habe. Schon Börne habe ausgesprochen, dass die Franzosen die Freiheit wie eine Braut liebten, die Deutschen dagegen wie ihre alte Großmutter.

Die Stunde der Vorurteilsbeladenen und Zukurzgekommenen sei 1933 gekommen. „Sie konnten ihre Unterlegenheitsgefühle an den Staat abgeben und zusehen, wie diejenigen, die sie für anmaßend hielten, die sie als gewitzte Konkurrenten empfanden, von Amts wegen in ihren Rechten zurückgesetzt und so der nichtjüdischen Mehrheit neue Chancen eröffnet wurden.“

Götz Alys Fazit: „Börne kämpfte, witzelte und polemisierte mit lebhaftem Geist dafür, dass jeder einzelne Deutsche endlich von innen her frei werde, und die Freiheit wie seine Braut lieben würde – ein Ziel, für das sich noch immer zu streiten lohnt.“

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

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